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Türkei und USA:Die Zeit der stillen Diplomatie ist vorbei

Donald Trump und Recep Tayyip Erdogan 2018 in Brüssel

Weiter auf Konfrontationskurs: US-Präsident Trump und der türkische Präsident Erdoğan.

(Foto: REUTERS)

Zwischen den USA und der Türkei knirscht es, Stolz und Vorurteil befördern die Raserei. Der Konflikt schreit nach einem Gewinner und einem Verlierer. Aber: Beides wird es nicht geben.

Stolz und Vorurteil sind ziemlich giftige Zutaten für den Umgang zwischen Staaten, weshalb der seit Monaten simmernde Konflikt zwischen den USA und der Türkei alle Chancen hat, eine tragende Säule der westlichen Ordnung zu beschädigen. Dass der türkische Großpräsident Recep Tayyip Erdoğan den Vaterlandsstolz zum Machtinstrument umgewandelt hat, ist schon lange bekannt. Nun aber spielt er immer mehr mit dem Vorurteil: gegen Nicht-Muslime, die USA, überhaupt gegen alle finsteren Kräfte, die der Türkei schaden und das Land vor allem ökonomisch in die Knie zwingen wollen.

Stolz und Vorurteil sind auch beliebte Zutaten der Politik Donald Trumps, für den kein Instinkt zu niedrig sein kann, als dass er ihn nicht gerne bediente. Gegenüber der Türkei bräuchte es das eigentlich nicht, weil die Umstände der Inhaftierung des Pfarrers Andrew Brunson und anderer US-Staatsbürger für sich sprechen. Die Fälle gehören in den Katalog des Unrechts, den die Erdoğan-Republik seit Jahren anlegt.

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Er reagiert damit auf Sanktionen der USA. Auslöser des Streits ist Andrew Brunson, ein amerikanischer Pastor, der in der Türkei unter Arrest steht.

Nun aber schaukelt sich die Erregung hoch: Sanktionen gegen türkische Minister hier, Sanktionen gegen US-Minister da. Guthaben, die es nicht gibt, sollen eingefroren werden. Der Katalog der Klagen und Forderungen wird beliebig erweitert: Natürlich gehört die S-400-Flugabwehr dazu, die das Nato-Mitglied Türkei von Russland erwirbt; natürlich gehört der Lira-Absturz dazu, den angeblich die USA mit ihrer Politik auslösen; natürlich ist es die Forderung nach Auslieferung von Fethullah Gülen sowie der US-Prozess gegen die Halkbank und ihren Manager Mehmet Hakan Atilla, der die US-Sanktionen gegen Iran unterlaufen haben soll.

Alles alte Bekannte, möchte man meinen und an Deniz Yücel oder die vielen anderen Fälle von zu Unrecht inhaftierten Menschen erinnern, die alle das Pech hatten, in Erdoğans Machtkampf gegen Putschisten und für eine neue Verfassung im Weg zu stehen.

Folgt all dies also eiskalter Berechnung, dann ist Pfarrer Brunson der Vertreter eines christlich missionarischen Amerikas, das seine Rolle in der von der Türkei beanspruchten Kontrollzone (im kurdischen Irak) überschätzt und deswegen verdrängt werden muss.

Stolz und Vorurteil befördern die Raserei zwischen den Bündnispartnern

Vor wenigen Jahren wäre dieser Konflikt mit ein bisschen stiller Diplomatie und dem Besuch hochrangiger Militärmitglieder ausgeräumt worden. Doch diese Zeit ist vorbei, und plötzlich wird sichtbar, wie schmalbrüstig diese amerikanisch-türkischen Beziehungen in Wahrheit sind. Die offizielle Türkei hat dem (von Amerika geprägten) Westen als Vorbild abgeschworen, die USA haben ihre integrative Kraft in einem westlichen Bündnis aufgegeben. Und plötzlich stoben die Funken.

Im Fall Yücel brauchte es stille Diplomatie und die Fähigkeit zur Deeskalation, um die Voraussetzungen für die Freilassung zu schaffen. Wo aber Stolz und Vorurteil im Überfluss eingesetzt werden, scheint das nicht möglich zu sein. Dieser Konflikt schreit nach einem Gewinner und einem Verlierer. Aber: Beides wird es nicht geben. Selbst wenn die Türkei nun unter der Last einer kollabierenden Wirtschaft in die Knie geht, selbst wenn die Lira zerfällt, bringt das die Regierung nicht auf den Pfad der Vernunft, sondern wird im Gegenteil die Radikalisierung beschleunigen. Und nach Trump werden auch die USA feststellen, dass sie aus der Zerstörung der Ordnung wenig Nutzen ziehen.

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