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Türkei und Syrien:Der unruhige Nachbar

Jahrzehntelang herrschte Feindseligkeit zwischen der Türkei und Syrien, dann folgte die Annäherung. Doch die Unruhen und ihre blutige Niederschlagung durch Assads Truppen bringen Premier Erdogan jetzt in die Klemme. Die Türkei will ein stabiles Syrien, zu mehr Demokratie drängt Ankara den Nachbarn aber nur sehr verhalten.

Kai Strittmatter

Am Ende hat Ankara eingewilligt: Die Türkei macht mit bei der Nato-Operation in Libyen, und die regierungsfreundliche Presse feiert das als Erfolg für ihren Premier Tayyip Erdogan. Der habe "entscheidende Warnungen" formuliert, so die Zeitung Yeni Safak: Frankreich hingegen habe "verloren bei seinem Versuch, die Führung an sich zu reißen". Die Türkei sei eben doch das "westliche Land des Mittleren Ostens", schrieb das Boulevardblatt Posta.

Recep Tayyip Erdogan

Der türkische Premier Tayyip Erdogan: "Die Winde des Wandels wehen überall."

(Foto: AP)

An den Zauderkurs des Premiers, der noch vor Tagen jede Nato-Intervention in Libyen kategorisch ausgeschlossen hatte, erinnerte kaum einer. Ebenso drohte bei dem Hickhack über Libyen ein Thema unterzugehen, das Ankara letztlich viel größere Kopfschmerzen bereiten dürfte: die Unruhen im Nachbarland Syrien.

Mit keinem anderen Land hat die Türkei eine längere gemeinsame Landgrenze als mit Syrien - und erst in den letzten Jahren wurde diese Grenze durchlässig. Davor herrschten Jahrzehnte der Feindseligkeit, die damit begannen, dass sich die junge türkische Republik 1939 die syrische Region Alexandretta (türkisch: Hatay) einverleibte. Im Kalten Krieg standen beide Länder in verfeindeten Lagern, später gewährte Syrien den Rebellen von der Kurdischen Arbeiterpartei PKK Unterschlupf. 1998 drohte ein türkischer General den Syrern gar mit Krieg.

Kurz darauf begannen beide Länder, sich einander anzunähern. Kein Premier aber betrieb eine solche Freundschaftsoffensive wie Erdogan. Unter Außenminister Ahmet Davutoglu entdeckte die Türkei erstmals ihre östlichen Nachbarn wieder und setzt auf die stabilisierende Wirkung von Handel. Bis vor kurzem noch zählten der Irak und Syrien zu den problematischsten Nachbarn, heute pflegt Ankara beste Beziehungen zu beiden. "Das strategische Ziel", heißt es in einer Analyse der Denkfabrik International Crisis Group, "ist es, 45 Millionen Konsumenten für türkischen Handel zu erschließen und eine Dekade vergessen zu machen, wo diese beiden Länder ein Quell von Subversion und bewaffneten Angriffen waren."

2009 schuf Ankara sogar die Visumspflicht für Syrer ab. Eine gemeinsame Bank ist ebenso geplant wie ein Schnellzug zwischen den Grenzstädten Aleppo und Gaziantep.

Kritikern der Annäherung Ankaras an das Regime von Baschar al-Assad entgegnen türkische Diplomaten oft mit der Frage, ob es denn nicht gut für die Demokratie sei, wenn Millionen Syrer über die Grenze kommen und sich das freie Leben in der Türkei anschauen könnten. Auch vermittelte die Türkei Geheimgespräche zwischen Syrien und Israel, bevor die Gaza-Invasion Israels die Verhandlungen platzen ließ. Nicht zuletzt möchte Ankara den Einfluss Irans auf Syrien begrenzen.

Die Unruhen und ihre blutige Niederschlagung aber bringen Premier Erdogan in eine Klemme. Einerseits möchte sich Erdogan im Wahlkampf gerne als Vorreiter der Demokratie in der Region profilieren, wie er es im Falle Ägyptens mit seiner frühen Rücktrittsforderung an Hosni Mubarak getan hat. Andererseits fürchtet die Türkei um die Stabilität in Syrien, einem Staat, der neben einer sunnitischen Mehrheit vielen ethnischen und religiösen Minderheiten Heimat ist.

In einem Interview mit Hürriyet berichtete Erdogan, er habe Assad zu demokratischen Reformen aufgefordert: "Die Winde des Wandels wehen überall", sagte Erdogan: "Ich habe ihm geraten, seine Lehren zu ziehen aus dem, was in der Region passiert." Anders als im Falle Ägyptens gibt es bislang keine scharfe öffentliche Kritik Ankaras am gewaltsamen Vorgehen der syrischen Regierung. Das türkische Außenministerium erklärte jedoch am Freitag, es sei nun "von höchster Wichtigkeit", dass Damaskus "ohne Zeit zu verlieren" die angekündigten Reformschritte beginne. Die Türkei sei zu "jeder Art von Unterstützung" bereit.

© SZ vom 26.03.2011/dmo
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