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Türkei und "Islamischer Staat":Der Kampf gegen IS gefährdet den Friedensprozess zwischen Ankara und den Kurden.

Eigentlich befindet sich die Türkei im Friedensprozess mit den Kurden. Ende 2012 nahmen die Regierung in Ankara und die PKK Friedensverhandlungen auf, im März 2013 riefen die Aufständischen eine Waffenruhe aus. Die Regierung von Ahmet Davutoğlu hatte gleich nach ihrem Amtsantritt vor wenigen Wochen bekräftigt, dass die Aussöhnung weiterhin oberste Priorität haben soll. Doch nun will die Regierung die "Road Map" des Friedensprozesses offenbar ändern: Einige Verhandlungspunkte sollen angesichts der Bedrohung durch den IS verschoben werden, berichten türkische Medien.

Für Ankara ist die Lage kompliziert: Einerseits haben Kurden und Türken nun einen gemeinsamen Feind, die IS-Terroristen. Andererseits beobachtet die Regierung argwöhnisch, was die Kurden im Grenzgebiet treiben.

Zumal inzwischen auch die PKK zum Kampf gegen den IS mobilisiert. In einem Aufruf der Organisation, aus dem die prokurdische Nachrichtenagentur Firat zitierte, hieß es: "Es gibt im Widerstand keine Grenze mehr". Die PKK wirft darin der türkischen Regierung vor, den IS zu unterstützen: "Jede Kugel, die von der IS-Verbrecherbande auf den Norden Kurdistans abgefeuert wird, ist vom türkischen Staat abgefeuert worden." Die Kurden sollten "entsprechenden Widerstand leisten".

Dass der Kampf der Kurden gegen den IS die Nationalisten der PKK stärkt, ist die große Furcht Ankaras. Im Südosten des Landes gibt es längst Gebiete, in denen praktisch nur noch die kurdisch beherrschten Rathäuser das Sagen haben. Und in der türkischen Grenzstadt Suruç kam es zu Scharmützeln zwischen Kurden und türkischen Sicherheitskräften. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein. Ein paar Hundert Männer waren durch den Zaun nach Syrien gestürmt, darunter viele, die zuvor ihre Familien auf die türkische Seite in Sicherheit gebracht hatten.

Ankara ist von allen Seiten unter Druck. Und auch die Gefahr von Anschlägen in türkischen Städten steigt.

Für die türkische Regierung ist die Situation vertrackt, der Druck kommt dabei von allen Seiten. Sie muss nicht nur 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge versorgen. Sie muss nun auch den Erwartungen des Bündnisses gegen den IS gerecht werden. Vor wenigen Tagen hatte US-Außenminister John Kerry das Nato-Land ermahnt, sich stärker am Kampf gegen die IS-Milizen zu beteiligen, nun da die 49 Geiseln in Sicherheit seien.

Tatsächlich hat Präsident Erdoğan eine militärisches Eingreifen seines Landes im Kampf gegen die Terrormiliz nicht mehr grundsätzlich ausgeschlossen. Die mögliche Unterstützung der internationalen Allianz gegen die Extremisten "beinhaltet alle Arten, militärisch, politisch, alles", sagte er vor Reportern. Er werde mit seiner Regierung bald darüber beraten. Als vor zwei Tagen aber Augenzeugen berichteten, ausländische Kampfflugzeuge seien von der Türkei aus nach Syrien geflogen, um dort die Stellungen des IS zu bombardieren, dementierte Ankara diese Berichte. Der türkische Luftraum sei für das Bombardement nicht genutzt worden, so die Stellungnahme.

Sollte sich die Türkei logistisch oder militärisch an Operationen in Syrien beteiligen, wäre einer Umfrage zufolge derzeit eine Mehrheit der Türken einverstanden. Das Meinungsforschungsinstitut Metropoll ermittelte, dass 52 Prozent der Befragten ein Eingreifen befürworten, knapp 30 Prozent seien dagegen. Unter den Anhängern der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP lag die Zustimmung leicht unter dem Gesamtwert, bei 47 Prozent.

Für die Türkei ist der Kampf gegen den IS heikel, weil davon auszugehen ist, dass die Islamisten sich mit Anschlägen in türkischen Städten rächen könnten. Schon in der Vergangenheit gab es blutige Anschläge, die mit dem Bürgerkrieg in Syrien zusammenhängen sollen. Im Mai 2013 etwa starben in der Stadt Reyhanlı bei zwei Autobombenattentaten mehr als 50 Menschen. Die US-Botschaft hat am Mittwochabend wegen der Bombardements gegen den IS vor Terroranschlägen in der Türkei gewarnt.

Schließt sich Ankara der Koalition gegen den IS nicht klar an, düpiert es seine Partner im Westen und setzt sich dem Vorwurf der mangelnden Bündnistreue aus. Mancher Kritiker im In- und Ausland hat der Regierung gar vorgeworfen, in ihrer Passivität zeige sich eine ideologische Nähe zum IS und anderen sunnitischen Islamisten-Gruppen, die zurzeit in Syrien gegen Baschar al-Assad kämpfen. Wahrscheinlicher ist aber, dass die Regierung unterschätzt hat, was sich an ihrer Grenze zusammenbraut.