Türkei und Deutschland Die unverwüstliche Ebene der deutsch-türkischen Beziehungen

Nach einem Anschlag auf den Flughafen Istanbul im Juni 2016 wurde das Brandenburger Tor mit der türkischen Flagge angestrahlt - eine Geste der Verbundenheit.

(Foto: AP)

Erdoğan mag noch so gegen Berlin wüten - viele Türken schätzen die Deutschen. Auch der unausweichliche Abzug deutscher Soldaten aus Incirlik ändert daran nichts.

Kommentar von Christiane Schlötzer

Fragt man junge Türken, von Istanbul bis zur iranischen Grenze, welchem Land auf der Welt sie am ehesten vertrauen, dann sagen die meisten: Deutschland. Nicht USA, nicht Russland, nicht China. Das ist das Ergebnis einer brandaktuellen, von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie. Das Bekenntnis zum Lieblingsland Deutschland ist höchst erstaunlich, schließlich war zuletzt nur noch sehr wenig Gutes über das deutsch-türkische Verhältnis zu hören.

Entweder also nehmen viele junge Türken gar nicht wahr, was ihnen Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan vortrommelt: dass die Deutschen immer noch Nazis seien, dass man ihre Bundeswehrsoldaten in Incirlik gar nicht brauche. Oder sie glauben Erdoğan nicht, wenn er behauptet, es sei ihm egal, was "Hans und Helga" sagen. Weil sie sich an Onkel Ali in Frankfurt und Tante Neşe in München erinnern, weil sie mehr von Deutschland wissen, als in ihren national aufgeputschten Regierungsmedien steht. Das macht Hoffnung, denn es zeigt, dass es in dieser Beziehung, die Außenminister Sigmar Gabriel jetzt "in ganz schwerem Fahrwasser" sieht, immer auch eine zweite Ebene gibt, die (noch) unverwüstlich erscheint - und wenig zu tun hat mit Nato-Stützpunkten.

Erdoğan agitiert gegen Berlin - sein Volk schätzt die Deutschen

Was die Nato-Basis Incirlik betrifft, hat Gabriel versucht, den Schaden kleinzureden, und den Abzug mit "innenpolitischen Gründen" erklärt. Dabei ist es eigentlich eine Ungeheuerlichkeit, wenn ein Nato-Land seine Soldaten vom Boden eines anderen Nato-Lands abziehen muss, weil man sich politisch so miteinander verkeilt hat, dass es keinen Ausweg gibt.

Was Erdoğan von Berlin verlangt, ist unerfüllbar: die Auslieferung aller Menschen - es könnten mittlerweile ein paar Tausend sein -, die in Deutschland als vermeintliche Putschisten Schutz vor jahrelanger Haft suchen. Gerade hat Ankara 130 Geflüchteten mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft und der Beschlagnahme ihres Besitzes gedroht. Das deutsche Asylrecht gilt nicht für Gewalttäter, aber für Beamte, Richter, Soldaten, Journalisten, deren Beteiligung an einem Staatsstreich nicht bewiesen ist und die in der Türkei nicht auf einen rechtsstaatlich einwandfreien Prozess hoffen können. Das Dilemma, das daraus folgt, dürfte für die Bundesregierung noch eine Weile fortbestehen, denn auch als Zufluchtsland ist Deutschland für Türken gerade die Nummer eins, weil es hier familiäre Netzwerke gibt.

Keine guten Aussichten sind das für Deniz Yücel, den deutschtürkischen Journalisten, und andere, die in türkischen Gefängnissen quasi als Geiseln festgehalten werden. Ein Druckmittel aber gibt es, das auch Ankara fürchtet: die Zollunion. Sie sorgt seit 1996 dafür, dass es für türkische Industriegüter in der EU keine Zölle mehr gibt. Ankara möchte das auf Dienstleistungen und Agrarprodukte ausdehnen, das gäbe einen enormen Schub für die türkische Wirtschaft. Man sollte Erdoğan klarmachen: Wer wirtschaftliche Vorteile in Europa erhalten will, muss auch demokratische Standards einhalten.

Türkei Der Generation Erdoğan ist Politik egal
jetzt

Türkei

Der Generation Erdoğan ist Politik egal

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat junge Türken nach ihren Werten und politischen Einstellungen befragt. Das Interesse an Politik ist erschütternd niedrig - das Vertrauen in Deutschland dafür überraschend hoch.