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Türkei und der Westen:Die Nase voll von Europa

Die Türkei will nicht nach Osten oder Westen, sondern nach oben: Hat Ankara deshalb langsam genug von der Nato und der Europäischen Union? Das Land ist zu einer bedeutenden Regionalmacht herangewachsen und hat sich von seinen Verbündeten im Westen bereits entfremdet - für einen EU-Beitritt ist die Türkei vielleicht bald zu stolz.

Niemand kann behaupten, dass die türkische Regierung eine Art Geheimdiplomatie betrieben habe. Nein, die Blaupause für all die Irritationen der letzten Zeit wurde schon früh veröffentlicht. 2001 erschien Stratejik Derinlik, zu Deutsch: Strategische Tiefe. Der Autor: Ahmet Davutoglu, damals Professor für internationale Beziehungen, heute der Außenminister der Türkei.

´Türkei-Gipfel" abgewendet: Einigung in letzter Minute

Die EU-Flagge weht neben der türkischen Flagge in Istanbul. Doch ein hoher Berater von Premierminister Erdogan sagte unlängst: "Europa - vielleicht ist das Thema für uns zu klein geworden. Irgendwie ist die Türkei über Europa hinausgewachsen."

(Foto: dpa)

Seitdem der Professor vor zwei Jahren sein Amt antrat, weiß die Welt, wie es sich zwischen Theorie und Praxis verhält. Die Türkei ist zu einer beeindruckenden Regionalmacht herangereift, für die "strategische Tiefe" reale geografische Bedeutung hat. Von den kaukasischen und zentralasiatischen Republiken über die arabische Halbinsel bis nach Nordafrika und auf den Balkan lassen sich die Spuren ihrer neuen Außenpolitik verfolgen.

Nur eine Adresse fehlt zunehmend, wenn Ankara den Globus dreht: Brüssel. Schon überschlagen sich die Spekulationen über die Motive Ankaras, und westliche Partner der Türkei fragen irritiert: Ist die Türkei dem Westen verlorengegangen? Oder gar: Sind es die Türken selbst, die vom Westen und seinen Institutionen, der Nato und der Europäischen Union, die Nase voll haben?

Das European Council on Foreign Relations, ein unabhängiger außenpolitischer Thinktank, und drei Partnerorganisationen stellten gerade in einer umfangreichen Studie fest: Die Türkei ist jetzt ein Akteur, ein Wirtschaftspol und vielleicht ein aufstrebender regionaler Hegemon. Einen amerikanischen Beobachter zitiert die Studie mit den Worten: "Die Türkei will nicht nach Osten oder Westen, sie will nach oben."

Auf diesem Weg hat die Regierung Erdogan allerdings so viele Irritationen ausgelöst, dass in den Außenministerien der Verbündeten und gerade bei der EU über die richtige Strategie im Umgang mit Ankara nachgedacht wird. Vor allem die türkische Nachbarschaftspolitik der letzten Jahre weckte zum Teil Zweifel an der Verlässlichkeit Ankaras als Partner des Westens.

Davutoglu verkündete eine "Null-Problem-Politik" im Umgang mit den unmittelbaren Nachbarn - vor allem dem Irak, Syrien, dem Libanon und Armenien. Visafreiheit wurde gewährt, eine Art türkische Freihandelszone wuchs. Ankara beerdigte historische Konflikte in atemberaubendem Tempo. Prompt wurde die Regierung von den Ereignissen überrollt: Die Nähe, die Erdogan noch zu Potentaten wie Baschar al-Assad in Syrien oder Muammar al-Gaddafi in Libyen gesucht hatte, erwies sich im arabischen Frühling als verhängnisvoll.

Wider den türkischen Nationalismus

Nach schmerzhaften Wendungen distanzierte sich die türkische Regierung von den neuen Freunden und versucht nun, den Revolutionsbewegungen ein Vorbild zu sein. Dabei konnte sie kaum verbergen, dass die rasante Hinwendung zu den Nachbarn vor allem wirtschaftlichen Motiven folgte.

Augenfällig war dies bei dem missglückten Vermittlungsversuch im iranischen Atomkonflikt, als Erdogan in Siegerpose mit Präsident Mahmud Ahmadinedschad posierte - um kurz darauf blankes Unverständnis von den alten Verbündeten, angeführt von den USA, zu kassieren. Die Entfremdung war komplett, als eine türkisch geführte Flotilla die Gaza-Blockade durchbrechen wollte und es nach gewalttätigen Auseinandersetzungen auf dem Schiff Mavi Marmara mit Toten und Verletzten zu den bislang größten Verwerfungen mit Israel kam.

Auch für bedeutende Nato-Streitfragen gilt: Immer häufiger steht die Türkei als Rivale des Westens parat, was am Ende die Frage aufwirft, ob das Land inzwischen in einem bündnisfreien Raum sein Glück als wirtschaftsstarke und eigenwillige Regionalmacht sucht.

Die Antwort, so sagt etwa die in der Türkei besonders aktive European Stability Initiative, ist eindeutig. Das Land wird es auf den ultimativen Bruch mit dem Westen nicht ankommen lassen, genauso wenig, wie der Westen und besonders die EU die Türkei abschreiben kann: "Die Beziehung zwischen der Türkei und der EU ist wie eine katholische Ehe - Scheidung ist für beide Seiten keine Option." Beide Seiten aber sind sich ihrer Entfremdung klar.

Unzählige Probleme - und keiner macht sich die Mühe, sie zu lösen

Die Zustimmungsraten für einen EU-Beitritt sinken in der Türkei. Erdogan stichelte erst bei seinem jüngsten Besuch neben Kanzlerin Angela Merkel stehend, dass die EU doch den Beitrittsprozess ehrlicherweise beenden sollte. Umgekehrt bremsen vor allem die Franzosen die Beitrittsverhandlungen bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Probleme gibt es unzählige, nur keiner macht sich mehr die Mühe, sie zu lösen.

So beobachten beide Seiten einander misstrauisch, manchmal vielleicht in der Hoffnung, dass der andere doch als erster die mühselige Annäherung für beendet erklären möge. Die EU musste lernen, dass sich türkischer Nationalismus und türkischer Stolz schwer mit einem Grundgedanken der Union vertragen, nämlich: sich der Gemeinschaft zu fügen und Souveränität abzugeben. Die Türkei wiederum genießt ihre neue Stärke. Oder, wie ein hoher Berater von Premierminister Tayyip Erdogan unlängst sagte: "Europa - vielleicht ist das Thema für uns zu klein geworden. Irgendwie ist die Türkei über Europa hinausgewachsen."

© SZ vom 11.06.2011

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