bedeckt München 15°

Türkei:Terroranschlag erschüttert Türkei

In der Stadt Suruç nahe der syrischen Grenze sterben in einem Kulturzentrum mindestens 28 Menschen durch eine Bombe.

Bei einem der schwersten Anschläge seit Jahren im Grenzgebiet zu Syrien sind am Montag in der Türkei mindestens 30 Menschen ums Leben gekommen und knapp 100 Menschen verletzt worden. Im Garten des Amara-Kulturzentrums der Stadt Suruç ging kurz vor 12 Uhr eine Bombe hoch, als sich dort etwa 300 Mitglieder einer sozialistischen Jugendorganisation versammelt hatten. Sie wollten beim Wiederaufbau der umkämpften syrischen Stadt Kobanê helfen, die im Januar von kurdischen Einheiten aus den Händen des Islamischen Staates (IS) befreit worden war.

Kurz nach der Explosion äußerten türkische Behörden der Verdacht, der IS könnte hinter dem Terroranschlag stehen. Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu sagte am Montagabend in Ankara, es gebe nach ersten Erkenntnissen Hinweise auf einen Selbstmordanschlag des IS. Der Täter sei jedoch noch nicht identifiziert worden. Die türkische Zeitung Hürriyet berichtete, dass eine 18-jährige IS-Anhängerin den Selbstmordanschlag verübt haben könnte. Ismail Kaplan, Vize-Chef einer kleinen Schwesterpartei der prokurdischen HDP in Suruç, sagte: "Wir denken, dass die Tat vom IS verübt wurde. Wir hatten schon Warnungen gehabt, dass so etwas passieren könnte. Unser Leben in Suruç ist nicht sicher." Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan verurteilte den "Akt des Terrors". Während eines Besuchs in Zypern sagte er: "Im Namen meines Volkes verfluche und verurteile ich die Täter dieser Unmenschlichkeit." Ankara setzte einen Krisenstab ein. Premier Davutoğlu wurde mit einer Regierungsdelegation in Suruç erwartet. Das Innenministerium teilte mit: "Unser Staat wird die Täter schnell finden und vor Gericht stellen." Vize-Regierungschef Yalçın Akdoğan sagte: "Der Terroranschlag zielt auf die Türkei, auf die Einheit des Landes, auf den Frieden."

Large explosion in Suruc near Syria border

Menschen im türkischen Suruç bringen sich kurz nach der Bombenexplosion in einem Kulturzentrum in Sicherheit.

(Foto: dpa)

Der Chef der prokurdischen HDP, Selahattin Demirtas, sprach von "Barbarei". Eine HDP-Politikerin aus dem nahegelegenen Urfa fuhr kurz nach dem Anschlag zum Kulturzentrum. Sie sagte der Süddeutschen Zeitung: "Wir sind dabei, unsere Toten beizusetzen." Mindestens 20 Teilnehmer des Treffens seien schwer verletzt worden. Eine Videoaufnahme zeigt, wie die Bombe in dem Moment hochgeht, als die Jugendlichen eng nebeneinander an einem großen Plakat stehen.

Kurz nach der Explosion in Suruç wurden in der syrischen Nachbarstadt Kobanê mindestens zwei Kämpfer der kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) durch eine Autobombe getötet. Zunächst war ebenfalls unbekannt, wer für die Explosion verantwortlich ist.

Kobanê war im vergangenen Jahr zu einem Symbol des Bürgerkriegs in Syrien geworden: Kurden und IS-Kämpfer lieferten sich wochenlang Gefechte um die Stadt. Die türkische Regierung erlaubte erst nach langem Zögern, Nachschub und Kämpfer zur Unterstützung der Kurden über die Grenze zu lassen. Die Kurden haben im Norden Syriens im Kampf gegen die Terrormiliz inzwischen ein Hunderte Kilometer langes zusammenhängendes Gebiet unter ihre Kontrolle gebracht. Ankara befürchtet, sie könnten dort einen Staat ausrufen und damit Unabhängigkeitsbestrebungen unter türkischen Kurden befördern. Die türkische Armee hat ihre Truppen an der Grenze zu Syrien zuletzt weiter verstärkt. Über einen bevorstehenden Einmarsch dieser Truppen ins Bürgerkriegsland war spekuliert worden. Der Anschlag dürfte die Debatte weiter anheizen.

Im Zentrum Istanbuls gingen bereits am Montagabend mehrere Tausend Menschen aus Protest gegen den Anschlag auf die Straße. Viele gaben der Regierung eine Mitschuld an dem Anschlag. Die Polizei löste die Demonstration mit Tränengas auf.

  • Themen in diesem Artikel: