bedeckt München 25°

Nach dem Anschlag in Ankara:Die Türken trauern, ihre Regierung treibt Spielchen

Ein Mann trauert um Serdar Ben, ein Opfer des brutalen Bombenanschlags von Ankara.

(Foto: AFP)

Die türkische Regierung gibt sich wenig Mühe, das Attentat von Ankara umfassend aufzuklären. Statt dessen streut sie Gerüchte. Kein Wunder, dass manche ihr alles zutrauen.

Kommentar von Luisa Seeling

Hass und Angst prägen in diesen Tagen die Türkei, die politischen Lager stehen sich kurz vor der Wahl am 1. November unversöhnlich gegenüber. Das Auftreten der Regierung nach dem Anschlag in Ankara, bei dem fast 100 Menschen starben, ist nicht dazu angetan, die Polarisierung zu überwinden. Auch diesmal waren die Opfer überwiegend Kurden, HDP-Anhänger, linke Aktivisten, wie schon bei den Attentaten in Diyarbakır im Juni und einen Monat später in Suruç.

In beiden Fällen haben die Behörden die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) als wahrscheinlichen Täter ausgemacht. Auch die beiden Selbstmordattentäter von Ankara sind inzwischen offenbar identifiziert worden. Das Misstrauen von Teilen der Bevölkerung gegen den Staat aber sitzt tief, und es wird durch das Verhalten der Regierung noch vertieft.

Seit Jahren ist es das gleiche Muster

Deren Beileidsbekundungen für die Opfer halten sich in Grenzen; eine Mitverantwortung für das, was geschehen ist, will sie nicht erkennen. Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat zwar mehrere Polizeichefs suspendiert, nachdem die Vorwürfe gegen die Sicherheitskräfte immer lauter geworden waren. Doch auf hoher politischer Ebene übernimmt niemand Verantwortung.

Seit Jahren ist es das gleiche Muster: Ob nach dem Grubenunglück in Soma, bei dem 301 Bergleute ums Leben kamen, dem Bombardement von Zivilisten in Uludere durch die türkische Luftwaffe, bei dem 32 Zivilisten starben, oder dem Selbstmordattentat von Suruç - stets weisen Regierungsvertreter jede Verantwortung von sich, fast nie gibt es politische Konsequenzen, meist auch keine umfassende Aufklärung.

Parallel dazu behindert der Staat die Arbeit der Medien. Wer kritisch berichtet, wird unter Druck gesetzt - oder es gibt gleich eine Nachrichtensperre. Der Staat schützt nicht die Bürger, er schützt sich vor den Bürgern. Einen Nachrichtenstopp gibt es übrigens auch diesmal, es hält sich nur kaum einer daran.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB