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Türkei:Stein des Anstoßes

Aktivisten der LGBT-Bewegung verfremden ein Bild der Kaaba in Mekka und bringen so die türkische Regierung in Rage.

Von Tomas Avenarius

Drei Dinge sind es, bei denen der türkische Staatschef keinen Spaß versteht: Protest gegen seine Herrschaft, Abwertung des Islam und Sympathie mit der LGBT-Bewegung, also der Bewegung der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender. Weshalb es eine heikle Idee war, bei Studentenprotesten an einer Istanbuler Elite-Universität nun ein Gemälde auszustellen, das den Innenhof der Großen Moschee in Mekka abbildet. Statt der Kaaba wird dort eine sphinxartige, heidnische Frauenfigur gezeigt, umgeben von weiß gekleideten muslimischen Pilgern und den Flaggen der Regenbogenbewegung.

Was in einem nicht-islamischen Land kaum Aufsehen erregen würde, ist in der Türkei des Recep Tayyip Erdoğan ein Affront. Innenminister Süleyman Soylu wetterte: "LGBT-Perverse" hätten "die heilige Kaaba beleidigt". Der einflussreiche Kommunikationsdirektor Fahrettin Altun twitterte: "Sie beschmutzen alles, was uns heilig ist." Und der Chef der Religionsbehörde Diyanet rief nach dem Staatsanwalt. Vier Studenten wurden bereits festgenommen.

Auch den Hochschülern der Bosporus-Universität, die seit Wochen gegen die Ernennung eines Erdoğan-treuen Rektors protestieren, scheint klar zu werden, dass sie ihrem Anliegen mit dem LGBT-Gemälde geschadet haben: Ein Studentenvertreter, der seinen Namen nicht genannt sehen will, sagte der SZ: "Eine Beleidigung des Islam war nie unsere Absicht."

Doch in Kombination mit den seit einem Monat anhaltenden Studentenprotesten könnte der Zwischenfall Folgen haben. Die englischsprachige Hochschule sieht sich als türkisches Pendant zu angelsächsischen Elite-Unis wie Harvard und Oxford. Die Studenten protestieren, weil sie den Rektor ablehnen: Der neue Chef beherrsche das Englische nur mangelhaft, habe sich wissenschaftlich nicht hervorgetan, sei ein Parteisoldat der Erdoğan-Partei AKP. Sie boykottieren ihre wegen Corona online stattfindenden Vorlesungen, demonstrieren vor dem Campus, die Polizei geht gegen sie vor. Auch der Lehrkörper zeigt sich kritisch, kein einziger Professor will Stellvertreter des Rektors werden.

Explosive Tradition

Bisher zeigen die Proteste kaum Breitenwirkung, nur wenige Hochschüler anderer Unis solidarisierten sich. Aber Studentenproteste haben in der Türkei eine politisch explosive Tradition, und seit den Gezi-Protesten von 2013 betrachtet die Führung jeden öffentlichen Protest als Vorstufe eines "Arabischen Frühlings" in der Türkei. Hinzu kommt das Reizthema LGBT.

Die Bewegung steht unter Druck, LGBTler klagen über Repressionen, die Istanbuler Regenbogenparade, früher ein Höhepunkt im Stadtleben, ist seit 2015 verboten. Die Regierung betont ihre konservative, zunehmend islamistische Orientierung, und Ali Erbaş, Chef der Diyanet-Religionsbehörde, heizt das Klima offen an: "Der Islam verflucht Homosexualität. Warum? Weil er Krankheiten und den Verfall des Erbguts mit sich bringt."

Erbas forderte, dass "wir alle zusammen das Volk vor diesen Übeln schützen". Nachgerade hilflos wirkt da die Erklärung des Istanbuler Studentenvertreters. Man habe für die im Rahmen der Proteste aufgebaute Ausstellung eben alle eingereichten Bilder gezeigt - auch das von der Kaaba mit den Regenbogenfahnen: "Alles andere wäre doch Zensur gewesen."

© SZ
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