Türkei-Russland Grenzen der Harmonie

Recep Tayyip Erdoğan und Wladimir Putin treffen sich innerhalb von drei Monaten bereits zum dritten Mal.

(Foto: Kayhan Ozer/AFP)

Zwischen Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan ist eine politische Freundschaft entstanden - doch in Syrien haben sie unterschiedliche Ziele.

Nimmt man die Häufigkeit der Treffen als Gradmesser, ist der Neustart in den türkisch-russischen Beziehungen zumindest auf gutem Weg: Zweimal kamen der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und Russlands Staatschef Wladimir Putin seit ihrer Aussöhnung zusammen, in Sankt Petersburg und beim G-20-Gipfel in Hangzhou; an diesem Montag gab es das dritte Wiedersehen innerhalb von drei Monaten, Putin reiste zum Weltenergie-Kongress nach Istanbul.

Russlands Präsident beglückwünschte den türkischen Staatschef dazu, die Lage nach dem Militärputsch Mitte Juli wieder in den Griff bekommen zu haben. "Wir sind sehr froh, dass die Türkei sich wieder erholt, und wünschen ihr Erfolg", sagte Putin. Später besiegelten beide ein wichtiges Projekt, das die Wiederannäherung symbolisiert: den Bau der geplanten Gaspipeline Turkish Stream. Die Energieminister beider Länder unterzeichneten am Montagabend ein entsprechendes Regierungsabkommen.

Im Dezember 2014 hatte Putin das Projekt überraschend hervorgezaubert, nachdem er die eigentlich geplante Pipeline South Stream für tot erklärt hatte. Turkish Stream soll nach 660 Kilometern auf der alten South-Stream-Strecke abbiegen und nach weiteren 250 Kilometern an der türkischen Küste landen. 16 Milliarden Kubikmeter will die Türkei abnehmen, Russland hat dafür einen Rabatt versprochen. Die übrigen 47 Milliarden Kubikmeter sollen über eine 180 Kilometer lange Leitung über Land an die EU-Grenze geführt werden. Nach ursprünglicher Planung bei Gazprom sollte der erste Strang schon Ende 2016 fertig werden - doch seit dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die türkische Luftwaffe im November 2015 lag das Projekt auf Eis. Nun also die Wende: Gazprom-Chef Alexej Miller sagte, das Abkommen sehe den Bau von zwei Röhren auf dem Grund des Schwarzen Meeres vor. Die erste Röhre soll 2019 fertig sein.

Auftakt für die Wiederannäherung zwischen der Türkei und Russland war im Juni ein Brief Erdoğans an Putin. Darin entschuldigte er sich für den Abschuss des Kampfjets. Kurz darauf legten die Staatschefs ihren zehn Monate dauernden Streit bei. Erdoğan nannte Russlands Präsidenten nach Monaten der Beschimpfung seinen "teuren Freund Wladimir Putin", dieser versprach, das Verbot für Charter-Reisen und den Einfuhr-Stopp für türkische Lebensmittel "schrittweise" abzubauen.

Die erste Röhre der Gaspipeline Turkish Stream soll 2019 fertig sein

Am Montagabend trafen Putin und Erdoğan dann zu einem Zweiergespräch zusammen. Neben Wirtschaftsfragen ging es dabei auch um die verheerende Lage in Syrien. Und alle zur Schau gestellte Harmonie kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Differenzen in der Syrien-Krise weiter enorm sind. Auch Kremlsprecher Dmitrij Peskow räumte ein, dass beide Seiten unterschiedliche Positionen hätten. Während Ankara den Sturz des syrischen Machthabers Baschar al-Assad anstrebt, unterstützt Moskau das Regime in Damaskus. Gegen eine Resolution, die ein Ende der Luftangriffe auf Aleppo forderte, legte der russische UN-Botschafter sein Veto ein, Ankara begrüßte sie dagegen.

Zuletzt aber hatten beide Seiten Kompromissbereitschaft signalisiert. Zwar kritisiert Ankara das Bombardement der Rebellen in Aleppo, man vermeidet es aber zu erwähnen, dass die Bomben auch von russischen Flugzeugen abgeworfen werden. Die Türkei macht zudem einen sofortigen Sturz Assads nicht mehr zur Bedingung, sondern sagt nun, Assad müsse nach einer Zeit des Übergangs abtreten. Im Gegenzug könnte Erdoğan anstreben, Moskau zu Zugeständnissen in punkto Kurden zu bewegen. Russland unterstützt die kurdischen Kämpfer in Syrien, Ankara fürchtet kaum etwas mehr als ein de facto unabhängiges Kurdengebiet an seiner Grenze.