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Nach dem Putschversuch:Das Verfahren stützt kaum die Regierungslinie

Ob Gülen und sein Netzwerk beteiligt waren? "Wenn sie mich nach meiner persönlichen Meinung fragen, dann: ja", sagt er. Einige Militärs sprechen vor Gericht von einem "kontrollierten Putsch". Oberst Muzaffer Düzenli, der laut Anklage das Putschgeschehen in Istanbul gelenkt haben soll, sagt, er sei überzeugt, dass die Militärspitze und die Regierung im Bilde gewesen seien, was passieren würde. Tatsächlich hatten die Sicherheitsbehörden mindestens sechs Stunden vor Beginn Hinweise auf verdächtiges Verhalten in der Armee. "Sie wussten nicht, wer auf welcher Seite steht. Anstatt den Putsch zu stoppen, haben sie ihn zugelassen", sagt Düzenli.

Das Verfahren stützt kaum die Regierungslinie, wonach der Putsch ein Werk vor allem der Gülen-Bewegung sei. Fast alle Angeklagten bestritten eine Putschbeteiligung, überhaupt mit der Gülen-Bewegung zu tun gehabt zu haben. Sie hätten Befehle ausgeführt. Ihnen sei gesagt worden, das Land werde angegriffen. Von der PKK, glaubten die einen, vom sogenannten Islamischen Staat, sagten andere. "Ich glaube, dass viele Militärs angelogen wurden", sagt Anwalt Durmuş. Ob der Prozess Antworten bringen werde? "Ich glaube nicht, dass alles offengelegt wird."

Frau A. protokolliert mit. Jede Aussage. Sie macht Notizen in einem kleinen, schwarzen Buch. Frau A. sitzt hinten im Saal, dort, wo sich die Angehörigen der Angeklagten versammeln. Morgens, wenn sie ihre Partner zu sehen bekommen, winken sie einander zu. Frau A. ist um die 40. Sie will nicht mit ihrem Namen in der Zeitung erscheinen. Sie hat Kinder. Bei Freunden von ihr - der Mann ist ebenfalls angeklagt - sei die Tochter in der Schule an die Tafel geholt worden. Ihr Vater sei ein Landesverräter, habe der Lehrer dann gesagt.

Ein Anwalt raunt: "Wäre die Türkei in der EU, würde es diesen Prozess so nicht geben."

Frau A. sagt, in der Putschnacht habe sie kurz mit ihrem Mann telefoniert. "Wir versuchen selbst zu verstehen, was vor sich geht", habe er gesagt. Dann hörte sie tagelang nichts von ihm. Als sie ihn wiedersah, war sie geschockt. "Sein Gesicht war rot, er hatte Blutspuren am Hals und konnte kaum sprechen." Er soll in jener Nacht gepanzerte Fahrzeuge auf die Straße geschickt und befohlen haben, notfalls auch Zivilisten zu überfahren. So steht es in der Anklage.

Ihr Mann? Der, der sich von ihr mit den Worten verabschiedet hatte, dass die Räder der Kinder noch in Ordnung gebracht werden müssten? Sie denkt, ihr Mann sei in eine Falle geraten. Der Prozess? "Es geht nicht ums Aufdecken", sagt sie. "Es geht darum, den Anschein zu wahren: Diese Männer waren es." Die Tage können für sie zur Hölle werden. Wenn die Mütter getöteter Zivilisten brüllen, dass die Angeklagten Leid übers Land gebracht hätten. "In mir brennt der Schmerz! Auch du sollst leiden." Dann greift Richter Oğuz Dik ein und ruft "Seid still!".

Die Angeklagten kommen zu Wort, der Richter lässt sie manchmal stundenlang reden. Etliche berichten, dass sie misshandelt worden seien. Osman Kardal, der die Kontrolle der Operationszentrale im Generalstab übernommen haben soll, hat ein Attest, das ihm eine Verletzung unter dem Auge bescheinigt. "Es gab immer Gewalt, bis ich vor Gericht kam", sagt er. Der Staatsanwaltschaft wirft er vor, entlastendes Material unterschlagen zu haben. Ein General berichtet, er sei auf dem Polizeirevier verprügelt worden. Als er seine Aussage habe unterschreiben müssen, habe er seine Brille nicht bei sich gehabt. Die Angeklagten zeichnen das Bild einer Armee, die sich hat täuschen lassen. Die Anklageschrift zeichnet das Bild von kaltblütigen Putschisten.

Später, auf dem Flur, raunt ein Anwalt: "Wenn die Türkei in der EU wäre, würde es diesen Prozess so nicht geben." Ist er eine Farce? Ein Schauprozess? Das Verfahren müsste das Land aufwühlen. Aber an manchen Tagen sind nur sechs Journalisten da. Als hätten die Türken schon aufgehört, an den Prozess zu glauben.

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