Nach dem Putschversuch Recht oder Rache in der Türkei

Die Staatsanwaltschaft hält Ex-Luftwaffenchef Akın Öztürk für den Anführer des Putsches.

(Foto: AFP)
  • 221 Personen sind angeklagt, darunter viele Militärangehörige. Sie sollen den Putschversuch gesteuert haben.
  • Fast alle Angeklagten bestritten eine Putschbeteiligung, überhaupt mit der Gülen-Bewegung zu tun gehabt zu haben.
  • Sie hätten Befehle ausgeführt. Ihnen sei gesagt worden, das Land werde angegriffen.
Von Mike Szymanski, Ankara

Mitten im Gerichtssaal ist ein Treppenaufgang. Die Angeklagten kommen aus dem Nichts. Morgens, wenn die Justizmitarbeiter um 9.30 Uhr die Türen zum Gerichtssaal öffnen, sitzen sie einfach da. Die Angeklagten können den Saal betreten, ohne an all den Wütenden und an der Presse vorbei zu müssen. Aber am ersten Prozesstag mussten sie genau diesen Weg nehmen: vorbei an Menschen, die nach der Todesstrafe verlangten. Die "Verräter" brüllten. Sie mussten in einer Reihe marschieren, die Hände gefesselt. Untergehakt vom Sicherheitspersonal; mehr vorgeführt als ins Gericht begleitet. Die eigentliche Frage lautet: Geht es hier um Recht oder um Rache?

Am Abend des 15. Juli 2016 hatte eine Gruppe aus der Armee in der Türkei den Aufstand gewagt. Panzer waren auf den Straßen, Kampfjets flogen tief über Ankara und Istanbul. Knapp 300 Menschen kamen in dieser Nacht ums Leben. Seither ist es nicht wirklich Tag geworden.

221 Personen sind angeklagt, darunter viele Militärangehörige. Sie sollen den Putschversuch gesteuert haben. Sie hätten Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan und die islamisch-konservative Regierung stürzen wollen. Im Saal ist Platz für 1500 Leute. Tageslicht gibt es nicht. Neben dem Richter sind Großleinwände montiert, damit alle Journalisten etwas erkennen können. Das Gericht befindet sich auf dem Gelände der Sincan-Haftanstalt, eine halbe Autostunde von Ankara entfernt.

Militärputsch in der Türkei Der General, der hinter dem Putschversuch stecken soll
Akın Öztürk

Der General, der hinter dem Putschversuch stecken soll

Die türkische Regierung sieht den früheren Luftwaffenchef Akın Öztürk als Kopf der Verschwörung an. Viele Soldaten wussten gar nicht, dass sie zu einem Staatsstreich unterwegs waren.   Von Christiane Schlötzer, Mike Szymanski

Das Militär war einmal eine mächtige Institution. Es bestimmte mit, wer das Land regiert. Aber das war, bevor Erdoğan dieses Land eroberte. Jetzt stehen Generäle in Hemden, T-Shirts und Pullis vor dem Richter, nicht weniger kerzengerade deshalb. Ihre Uniformen habe man ihnen nach der Festnahme mit Gewalt vom Leib gerissen, erzählt eine Angehörige. "Von Rangniederen! Wir waren schockiert."

Als Erdoğan an die Macht kam, bediente er sich noch Gülens Netzwerks

Die Regierung vermutet, dass die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen hinter dem Putschversuch steckt. Als Erdoğan an die Macht kam, bediente er sich noch Gülens Netzwerks, das tief in den Staat hineinreichte. Doch das Männerbündnis zerbrach. Es kam zum Machtkampf. Gülen soll sein Netzwerk, das längst das Militär durchdrungen habe, am 15. Juli gegen Erdoğan gerichtet haben.

Die Gerichtskantine im ersten Stock. Es gibt Tee, Kaffee und frische Luft. Ein gedrungener Mann mit kurzem, grau meliertem Haar hat die Aktentasche neben sich abgestellt. Hicabi Durmuş verteidigt jenen Mann, der bei der Parade der Angeklagten vorn gehen musste: Ex-Luftwaffenchef Akın Öztürk. Die Staatsanwaltschaft hält ihn für den Anführer des Putsches.

Der Vier-Sterne-General soll in jener Nacht versucht haben, den entführten Generalstabschef Hulusi Akar auf die Seite der Putschisten zu ziehen. Öztürk sagte vor Gericht: "Meine Nation, meine Kommandeure, die mich ausgebildet haben, sie alle sollen wissen, dass ich mit dem Putschversuch nichts zu tun habe." Sein Anwalt sagt, sie könnten widerlegen, dass Öztürk zu den Verschwörern gehöre. Für ihn ist Öztürk in ein Komplott geraten.

In der Nacht des Umsturzversuchs hatte Erdoğan von einem "Geschenk Gottes" gesprochen. Was er damit wohl meinte, wurde Stunden später sichtbar. Er hatte nun einen Grund, all jene, die er für Feinde hält, aus dem Staatsapparat und dem Militär zu entfernen. Dies wurde von manchen so ausgelegt, als sei der Putsch inszeniert gewesen, nur dafür da, dass Erdoğan sich mit brachialer Gewalt noch mehr Macht nehmen könne. "Der Putsch ist Realität", sagt Anwalt Hicabi Durmuş. Die Frage sei nur, wer hatte welchen Anteil daran?