Der Korruptionsprozess gegen den inhaftierten Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu hat unter chaotischen Umständen begonnen. Nach einem Wortgefecht zwischen dem wichtigsten politischen Rivalen von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan und dem Vorsitzenden Richter ließ dieser den Gerichtssaal am Montag räumen. İmamoğlu, Politiker der größten Oppositionspartei CHP, hatte verlangt, sich äußern zu dürfen, und den Richter aufgefordert, „das Recht der Menschen auf Selbstverteidigung zu respektieren“. Der Richter lehnte dies ab und ordnete an, zunächst andere Angeklagte zu hören. Als Reaktion auf die lautstarken Proteste der Zuschauer unterbrach er die Sitzung.
Im Gerichtssaal saßen der CHP-Vorsitzende Özgur Özel und İmamoğlus Ehefrau Dilek nebeneinander. „Wir sind nervös und ängstlich“, sagte Dilek İmamoğlu vor Beginn der Anhörung zu Reportern. Sie hoffe auf einen Prozessverlauf ohne weitere Inhaftierung. Ihr Mann sei bei ihrem letzten Besuch in der vergangenen Woche jedoch „sehr guter Dinge“ gewesen.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem 55-jährigen CHP-Politiker vor, eine kriminelle Vereinigung zu leiten, die sich an Ausschreibungsmanipulationen und Bestechung bereichert haben soll. Neben İmamoğlu sind mehr als 400 weitere Personen angeklagt, die mit der Stadtverwaltung in Verbindung stehen. İmamoğlu und seine Partei weisen die Vorwürfe zurück. Im Falle einer Verurteilung drohen lange Haftstrafen, die İmamoğlus politische Karriere beenden könnten.