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Türkei:Provokation in der Ägäis

Es geht um Öl, aber auch um Geschichte: Die beiden Mittelmeer-Staaten beharkten sich so sehr, dass Kanzlerin Angela Merkel eingreifen musste. Womöglich nicht zum letzten Mal.

Von Tomas Avenarius

Im Juli und August laufen in den Ländern am Mittelmeer die internationalen Urlaubsfestspiele an, ob in Italien, Spanien, Griechenland oder der Türkei. In diesem Jahr ist alles anders. Alle Mittelmeerstaaten müssen froh sein, wenn auch nur ein Bruchteil der Touristen kommt, die vor Corona Jahr für Jahr an den Stränden ihre Badetücher ausgerollt haben. Was Griechenland und die Türkei angeht, stehen aber noch andere Gefahren im Raum als Covid-19: Ankara und Athen beharken sich wegen des Streits um die Erdgasvorkommen im östlichen Mittelmeer und bedrohen sich militärisch.

Die Türken provozieren bewusst. Sie schicken Bohrschiffe, begleitet von Fregatten, in Gewässer, die Griechen und Zyprer für sich beanspruchen. Gerade hat Ankara ein "Navtex" für ein Seegebiet rund um eine winzige griechische Insel veröffentlicht. Mit solchen Mitteilungen warnen Nationen die Schiffe anderer Staaten, ein Seegebiet zu befahren. Die Türkei hat de facto ein Sperrgebiet ausgewiesen; dort soll eines ihrer Bohrschiffe im August Proben nehmen. Offenbar fehlte nicht viel und die sich belauernden Fregatten und Korvetten der Streithähne hätten wegen des Navtex das Feuer eröffnet. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat im letzten Moment interveniert und die Hitzköpfe in Ankara und Athen am Telefon besänftigt. Gelöst hat sie das Problem aber nicht.

Das türkische Navtex für die Gewässer rund um die winzige griechische Insel Kastellorizo war keine Goodwill-Geste Ankaras, es war ein offener Affront. Die griechische Insel ist allerdings auch ein Beispiel dafür, dass Ankaras Rechtsstandpunkt in der Frage der maritimen Grenzen und exklusiven nationalen Wirtschaftszonen zumindest in Teilen nachvollziehbar ist. Die sehr dünn besiedelte Insel Kastellorizo befindet sich östlich von Rhodos, ist nur ein paar Quadratkilometer groß, bis zur türkischen Küste sind es keine drei Kilometer. Dieses Eiland liegt inmitten einer Handvoll menschenleerer Mini-Inseln in einem sehr rohstoffreichen Gebiet. Weshalb die Türkei ihren Festlandsockel, an dem sie ungehindert Gas fördern kann, vom 3000-Insel-Staat Griechenland auf unfaire Art beschnitten sieht: Athen weise jede noch so kleine Erhebung im Meer als Staatsgebiet aus, mit allen Rechten auf einen eigenen Sockel. Siehe Kastellorizo.

Am Ende muss womöglich wieder Kanzlerin Merkel vermitteln

Völkerrechtlich mag Athen im Recht sein, politisch ist es schwieriger. Die Frage, wer welche Meeres- und Fördergebiete im Mittelmeer beanspruchen kann, ist komplex, die Positionen sind de facto unvereinbar. Und das Interessengeflecht der Griechenland unterstützenden Staaten - auch der EU - ist selbsterklärend: Es geht um die Pipeline "Eastmed", mit der Gas aus Ägypten und Israel über Zypern und Griechenland nach Europa kommen soll. Die energiehungrige Türkei fühlt sich bei all dem ausgegrenzt. Sie fängt im Schulterschluss mit Libyen an, maritime Grenzen und Wirtschaftszonen neu zu ziehen.

Lösen ließe sich der Zank um die Rohstoffe in Verhandlungen, vielleicht unter Vermittlung Berlins. Doch die Zeit drängt. Die Stimmung wird täglich schlechter, die Provokationen dreister. Gerade hat die Türkei die Hagia Sophia - Sehnsuchtssymbol aller Griechisch-Orthodoxen -, in einem ziemlich unfreundlichen Akt kurzerhand zurück in eine Moschee verwandelt. Die Griechen setzten daheim die Flaggen auf Halbmast, Demonstranten verbrannten türkische Flaggen: auch dies unnötige Provokationen. So, wie es aussieht, muss Merkel bald wieder zum Telefon greifen.

© SZ vom 27.07.2020

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