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Türkei nach Gezi-Protesten:Unversöhnlich - auch im Ramadan

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Türkische Aktivisten treffen sich zum Fastenbrechen auf der Istiklal-Straße in Istanbul. Sie eint ihre Ablehnung gegen Premier Recep Tayyip Erdogan.

(Foto: AFP)

Den Fastenmonat Ramadan nutzen die jungen türkischen Aktivisten, um mit vielen Anhängern der Prostestbewegung nach Sonnenuntergang zu picknicken. Premier Erdogan diniert währenddessen mit 1500 Polizisten und bleibt seiner Botschaft treu: Er beschimpft die Demonstranten.

Akif Ersoy raucht. Das ist verboten im Fastenmonat Ramadan. Für religiöse Türken, ebenso wie Essen und Trinken, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Und die Sonne steht gerade noch schräg am Himmel über Istanbul. "Ich faste nicht", sagt der 34-jährige Musiker und zieht an der Selbstgedrehten. Auch Aysegül Güzel hat nicht gefastet, und doch wartet die junge Frau wie Akif Ersoy auf das traditionelle abendliche Fastenbrechen. Auf einer Wiese haben Freunde von Aysegül und Akif mit weißen Papierbahnen eine improvisierte Festtafel ausgelegt, gut zehn Meter auf zehn Meter groß. Weil der Platz für die mehr als 500 Menschen, die mit Essenskörben kommen, nicht ausreicht, wird immer wieder angebaut.

Wenn von allen Moscheen der Stadt kurz nach 20.30 Uhr der Gebetsruf das Ende der täglichen Kasteiung verkündet, setzen sich auch im Park die Menschen zum Mahl - ins Gras. Das ist neu für Istanbul, für die Türkei. Gewöhnlich wird im Fastenmonat in feinen Restaurants oder offiziellen Ramadan-Zelten getafelt. Aber in diesem Sommer ist kaum etwas wie gehabt. Die sich da zum "Yeryüzü Iftari", zum Fastenbrechen auf der Erde, versammeln, haben vor ein paar Wochen noch versucht, den kleinen Gezi-Park zu retten, was massive Polizeigewalt und landesweite Proteste gegen die Regierung von Recep Tayyip Erdogan ausgelöst hat. Nun feiern die Gegner des Muslims Erdogan ein islamisches Fest - aus Protest und ganz im "Geist von Gezi", wie der Musiker Ersoy sagt. "Wir tun das wegen der Gemeinschaft."

Religiöse Aktivisten werfen Erdogan Ausbeutung des Islam vor

Wenige Frauen im Gras tragen ein Kopftuch. Die Idee zu dem alternativen Iftar aber hatten religiöse Aktivisten wie Fatma Kurcan Dogan. "Wir teilen hier alles, wie in Gezi", sagt die 30-Jährige. Sie trägt ein Tuch mit schwarz-lila Schachbrettmuster auf dem Kopf. Lila ist die Farbe der Frauenbewegung. Dogan ist Sprecherin der "Antikapitalistischen Muslime". Die werfen Erdogan vor, "den Islam zur Ausbeutung" und als Geldmaschine zu nutzen. Der bärtige Chef der Gruppe, Ihsan Eliacik, 52, predigt nach dem Essen im Park. Atheisten und Religiöse sollten "denselben Respekt" genießen, sagt Eliacik, gegen den Erdogan einen Prozess wegen "Aufstachelung zur Rebellion" angestrengt hat. Umgerechnet 20 000 Euro soll Eliacik zahlen. Der teilt auch heftig aus. "Mit Götzen" führe man keine Dialoge, sagt er.

Auch der Premier nutzt den Fastenmonat für seine Botschaften. Es vergeht kaum ein Abend, an dem er nicht erneut über die Gezi-Demonstranten schimpft. Zuletzt verglich er die Protestler mit "jämmerlichen Nagetieren", die versuchten, ein Loch "in das Schiff zu bohren, in dem sich 76 Millionen Türken befinden". In Ankara speiste Erdogan auch mit 1500 Polizisten. Er sei "stolz" auf die Polizei, versicherte der Premier und pries einen starken Staat.

Unterdessen spricht die Polizeigewerkschaft Emniyet Sen von einer "Hexenjagd" gegen Polizisten. Acht führende Gewerkschafter hätten ihre Jobs verloren, nachdem sie "unmenschliche Einsatzbedingungen" kritisierten. Tagelang hätten Polizisten auf dem Istanbuler Taksim-Platz in ihren Bussen nächtigen müssen. Das mache junge Polizisten unnötig aggressiv. Auch die Anzahl der Selbstmorde in der Polizei sei gestiegen.

Eigentlich sollte der Fastenmonat eine Zeit des Friedens sein. Yavuz Baydar merkt davon nichts. Der Journalist, der seit 2004 als Ombudsman die Interessen der Leser der Zeitung Sabah vertrat, wurde gefeuert - wie jüngst eine Reihe seiner Kollegen in anderen Medien, die es gewagt hatten, Kritik an der Regierung zu üben. Besitzer von Sabah (310 000 Auflage) ist die Calik-Holding, dort gibt der Schwiegersohn von Erdogan den Ton an. Baydar hatte zuvor in der New York Times über "schmutzige Allianzen von Regierung und Medienkonzernen" geklagt. "Man muss nur dem Geld folgen", schrieb Baydar. Riesige Bauprojekte in Istanbul bedeuteten staatliche Großaufträge für Unternehmer mit Interessen in der Medienbranche - und den "Todeskuss" für den Journalismus.

Während Journalisten über ein "erstickendes Klima" klagen, preist die Regierung in einer druckfrischen Hochglanzbroschüre ("Türkische Medien auf einen Blick") die "freie und unabhängige" Presse. Mit der Aktualität kam die Festschrift nicht ganz mit. Darin wird noch die Geschichts-Zeitschrift NTV Tarih aufgelistet. Deren Juliausgabe war den Gezi-Protesten gewidmet. Sie durfte nicht erscheinen, das Blatt ist eingestellt. Die Verleger sind in der Bau- und Immobilienbranche engagiert.

Demonstranten leiden unter schweren Kopfverletzungen

Es ist, als würde das Land in zwei Welten leben. Menschenrechtsgruppen dokumentieren schwere Kopfverletzungen von Demonstranten durch Tränengaskartuschen. Der Regierungschef wiederum hat einen neuen Berater, der davor warnt, Erdogan könnte "durch Telekinese" von dunklen Kräften getötet werden, weil er die Türkei zum "Modell für die Welt" gemacht habe. Yigit Bulut heißt der Mann, auch er war Journalist. Die deutsche Lufthansa habe Protestler bezahlt, behauptete Yigit, aus Furcht, "100 Millionen Passagiere würden von Deutschland in die Türkei umgeleitet", durch Istanbuls dritten Großflughafen.

In einer Nachsitzung vor den Sommerferien hat das Parlament noch schnell das Mitspracherecht von Architekten- und Ingenieurkammern bei Stadtplanungsprojekten gekippt. Die Kammern gehörten zu den wortstarken Kritikern einer Bebauung des Gezi-Parks am Taksim-Platz.

Der Park ist nun wieder geöffnet - keiner weiß wie lange. Der Gerichtsstreit um die Bebauung ist noch nicht beendet. Derweil genießen Hunderte Menschen jeden Abend die Ruhe im Schatten der Bäumen. Familien schleppen große Töpfe mit Gekochtem und setzen sich ins Gras, wenn es Zeit zum Fastenbrechen ist. Auf dem Taksim-Platz hat die Stadtverwaltung für 1000 Menschen weiße Tische gedeckt. Kein Stuhl ist frei. Ein paar Transvestiten haben einen Tisch gekapert. Von den Nachbartischen wird geglotzt. Aber keiner jagt das bunte Volk weg. So friedlich kann Istanbul sein.