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"Tiefer Staat":Der Pate droht auf Youtube

Releases of Ergenekon Case

Der Racheakt eines Kriminellen? Mafiaboss Sedat Peker (hier bei einer Freilassung 2014) bringt einen AKP-Abgeordneten mit Mord, Vergewaltigung und Schmuggel in Verbindung.

(Foto: Islam Yakut/picture alliance / AA)

Es geht um mehr als Mord und Kokain: Ein türkischer Mobster behauptet, Vertreter des politischen Establishments arbeiteten Hand in Hand mit dem organisierten Verbrechen.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Früher schossen Mafiosi aus abgesägten Schrotflinten, heute loggen sie sich bei Youtube ein. Der türkische Mobster Sedat Peker hat es mit seinem jüngsten Video auf 2,5 Millionen Klicks gebracht: In dem Film erhebt er Vorwürfe gegen das politische Establishment der Türkei, bringt einen früheren Innenminister und seinen Sohn, einen AKP-Abgeordneten, mit Vergewaltigung, Mord und dem Schmuggel kolumbianischen Kokains in Verbindung.

Diese Vorwürfe wiegen umso schwerer, weil die Namen der Beschuldigten nur eine Schlussfolgerung zulassen, wenn sie denn stimmen sollten: Der türkische Staat macht gemeinsame Sache mit mafiösen Strukturen. Der berüchtigte "tiefe Staat" der 90er-Jahre also, bei dem Polizei und Geheimdienste die blutigen Dienste des organisierten Verbrechens und der rechtsextremistischen Grauen Wölfe nutzten, um die Opposition auszuschalten, die militante Untergrundorganisation PKK zu bekämpfen. Nach Pekers provokanter Youtube-Botschaft stellt sich die Frage: Existiert der tiefe Staat also weiter?

Auf den ersten Blick wirkt Pekers Show durchschaubar: als Racheakt eines Kriminellen. Der Gangster nennt den Namen des früheren Innenministers Mehmet Ağar und den seines Sohnes Tolga, der heute für die AKP, die Regierungspartei von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, im Parlament sitzt. Ağar senior soll mit dem Drogenschmuggel aus Lateinamerika zu tun haben, der Sohn mindestens eine Frau vergewaltigt und dann ihre Ermordung in Auftrag gegeben haben.

Dass Peker bei seinem Video-Auftritt Mario Puzos Mafia-Roman "Omertà" vor sich liegen hat, zeigt, womit er droht: dem Bruch des Schweigegelübdes, das Mafiosi sich gegenseitig leisten. Bisher fehlt allerdings jeder Beweis für Pekers Anklage. Aber Ex-Minister Ağar ist nicht irgendwer. Der konservative Politiker musste 1996 wegen des Susurluk-Skandals zurücktreten, kam deswegen ins Gefängnis. Bei einem schweren Autounfall in der Nähe der türkischen Provinzstadt Susurluk hatten ein hoher Istanbuler Polizeioffizier, ein rechtsextremer Auftragsmörder, seine Geliebte, eine Schönheitskönigin, sowie ein Parlamentarier im selben Wagen gesessen. Im Kofferraum fanden sich Waffen, Drogen, Dollar-Bündel und gefälschte Pässe.

Peker gelobte dem Präsidenten die Treue

Susurluk war der Beweis für den "tiefen Staat", für eine schmutzige Allianz aus Politik, Sicherheitsstrukturen und organisiertem Verbrechen. Es ging um Morde an Kurden und anderen Oppositionellen, um den Kampf gegen die PKK und um Drogengeschäfte. Eine Hand wusch die andere. Politisch wies vieles auch in Richtung der ultranationalistischen, in den Augen ihrer Gegner faschistischen Partei MHP. Sie ist derzeit der inoffizielle Koalitionspartner von Erdoğans Regierungspartei AKP.

Anlass für Pekers spektakulären Youtube-Auftritt, der die lange zurückliegenden Ereignisse von Susurluk in Erinnerung bringt, war eine Razzia in Pekers Istanbuler Villa am Bosporus. Er selbst war da längst ins Ausland geflohen. Die Polizisten kamen nachts mit Drogenhunden, durchwühlten Schränke und Wäsche, verschreckten Frau und Kinder des Mobsters. Der zürnt im Video: "Was habt ihr euch gedacht? Meine Frau und meine Kinder seien irgendwelche kleinen Drogendealer?"

Der 49-Jährige, der vor Monaten auf den Balkan geflohen und nun mit Familie in den Vereinigten Arabischen Emiraten untergekommen sein soll, ist eine undurchsichtige Figur. Angefangen haben soll er als Auftragskiller, als Mafioso gelobte er Präsident Erdoğan 2016 seine Treue, bot an, schmutzige Dienste zu leisten. Wie wichtig Peker als Mafia-Boss jemals war oder noch ist, bleibt aber unklar. Und für eine Verbindung zu Erdoğan gibt es keinerlei Hinweise. Wegen Mordes und anderer Verbrechen hatte Peker gesessen; er hatte sich später als Polit-Blogger zu einer Art Medienstar mit einem "Hier spricht der Pate"-Image hochstilisiert.

Mitte 2020 kam dann aber ein Mann aus dem Gefängnis frei, der wirklich ein Schwergewicht unter den türkischen Unterweltfürsten und zudem politisch bestens vernetzt ist: Alaattin Çakici. Çakici ist berüchtigt - ein Mann des tiefen Staats, Grauer Wolf, Ex-Agent des türkischen Geheimdiensts MIT und echter Pate, der unter anderem die Ermordung der eigenen Ex-Ehefrau in Auftrag gab und zu langer Haft verurteilt wurde. Çakici kam frei, weil die Regierung im Sommer 2020 die Zellen von Tausenden Schwerkriminellen geöffnet hatte. Angeblich, um Corona in den Gefängnissen einzudämmen. Im Falle Çakicis hatte aber Erdoğans inoffizieller Koalitionspartner Schützenhilfe geleistet: Devlet Bahçeli, Chef der ultranationalistischen Rechts-Partei MHP.

Er nennt Çakici "meinen Freund", er hatte ihn im Gefängnis besucht. Die Nähe zwischen dem Grauen Wolf Çakici und dem MHP-Chef liegt auf der Hand: Die Grauen Wölfe gehören zur MHP, sind deren gewaltbereiter Arm, hielten immer Verbindung zum organisierten Verbrechen.

Dem Ex-Minister soll ein dubioser Yachthafen gehören

Warum Peker sich Mitte 2020 ausgerechnet auf einen Streit mit Çakici einließ, weiß wohl nur er selbst: Die "Geschäftsmänner" lieferten sich einen hässlichen Wortwechsel - Peker via Social Media, der 68-jährige Çakici mit einem handgeschriebenen Brief. Anlass oder Ergebnis schien zu sein, dass Peker im Mafia-Geschäft derzeit keine große Rolle spielt. Die Drohung mit dem Video könnte der Versuch sein, seine Rückkehr an die Futtertröge des organisierten Verbrechens zu erpressen.

Weit brisanter sind aber die politischen Querverbindungen, die Peker zu kennen behauptet. So sei der ehemalige Innenminister Ağar Besitzer der berühmten Yalikavak-Marina im Ägäis-Badeort Bodrum, an der Superyachten aus aller Welt anlegen: Die milliardenteure Marina ist eine Goldgrube. Sie sei nun vorgesehen als Anlandestelle für Drogen aus Lateinamerika. Schmuggel im großen Stil also - behauptet Peker.

Der ehemalige Innenminister Ağar wies die Vorwürfe als unsinnig zurück. Er sei nicht der Besitzer der Marina von Bodrum, er sitze nur im Verwaltungsvorstand. "Und hier legen keine Schiffe an, sondern Luxusyachten. Glaubt wirklich jemand, die wenigen Superreichen sind verantwortlich für weite Teile des Drogenschmuggels?"

Pekers Glaubwürdigkeit ist alles andere als hoch. In Verbindung gebracht mit solchen Machenschaften werden von ihm aber auch ein Bruder von Präsident Erdoğans Schwiegersohn, Ex-Finanzminister Berat Albayrak. Angeblich ist Albayraks Bruder Serhat ebenfalls in Ağars Geschäfte verwickelt.

Sollte dies auch nur in Teilen stimmen, kämen die schmutzigen Geschäfte gefährlich nah an das engste Umfeld des Präsidenten: Dann wäre Pekers Youtube-Video eine politische Bombe. Der Vize-Fraktionschef der oppositionellen CHP, Özgür Özel, sagte schon: "Jetzt ist sonnenklar, dass das Regierungsbündnis aus der AKP, der MHP und der Mafia besteht." Und der großmäulige Mafioso Peker, der in den VAE festsitzt? Der warnte die Polizei, ihn mit einer Geheimoperation herauszuholen: "Ich töte oder ich werde getötet."

© SZ/nien
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