Türkei Großstädter stimmen gegen Erdoğan

  • Die Stimmverteilung beim Verfassungsreferendum zeigt die Zerrissenheit der Türkei.
  • Während viele Menschen auf dem Land dank Präsident Erdoğan einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben oder erhoffen, haben die Großstädte mit "Nein" gestimmt.
  • Im Südosten verlor Erdoğan viele kurdisch geprägte Provinzen an das "Nein"-Lager - eine Folge der Kurdenpolitik des Präsidenten.
Von Deniz Aykanat

Die Türkei ist ein Land, das von tiefen Konfliktlinien zerfurcht wird. Das zeigt nun auch ein Blick auf die Stimmverteilung nach dem Referendum. Die türkische Gesellschaft ist gespaltener denn je. Erdoğan hat es nicht nur nicht geschafft, das Land zu einen. Er hat die Menschen auch noch weiter auseinandergetrieben.

Da wäre einmal die Konfliktlinie zwischen Stadt und Land. Der Vorgänger der Türkei, das Osmanische Reich, war stark landwirtschaftlich geprägt. Geändert hat sich das erst mit der Gründung der modernen Türkei und den Reformen Atatürks. Die Städte wurden zu Orten des kulturellen Lebens, des wirtschaftlichen Aufschwungs und der Bildung. Die ländlichen Gebiete mit ihrer frommen muslimischen Bevölkerung hingegen blieben lange Zeit unterentwickelt, belächelt von den urbanen Eliten.

Das hat sich mittlerweile geändert, und zwar unter anderem wegen Erdoğan, der dort eine Art islamische Unternehmenskultur förderte. Kleinere und mittelgroße Unternehmen entwickelten sich, Städte in Zentral- und Ostanatolien wie Kayseri und Konya wurden zu "Anatolischen Tigern" - in Anlehnung an die wirtschaftlich starken asiatischen Tigerstaaten Taiwan, Südkorea, Singapur und Hongkong.

Die Menschen dort wissen, wem sie ihren Aufschwung zu verdanken haben und wählten dementsprechend. Viele weitere Provinzen am Schwarzen Meer erhoffen sich denselben Wohlstand.

Die großen Städte hingegen konnte Erdoğan allesamt nicht für sich gewinnen. Bei Izmir in der Ägäis-Region verwundert das nicht. Izmir ist eine alte CHP-Hochburg, also der alten Atatürk-Partei zugeneigt. Außerdem ist die Region stark vom Tourismus geprägt, bis weit herunter die Küste entlang nach Antalya. Alle Provinzen und Großstädte sind in der Hand des Nein-Lagers. Die Menschen hier litten in der letzten Zeit besonders unter der Politik Erdoğans.

Als die Türkei im November 2015 einen russischen Jet an der türkisch-syrischen Grenze abgeschossen hatte, verhängte der russische Präsident Wladimir Putin einen Reisestopp für Russen in die Türkei. Die Touristenzahlen brachen daraufhin massiv ein. Terroranschläge ließen die Urlauber aus Europa wegbleiben und das brutale Vorgehen gegen echte und vermeintliche Feinde des Staates nach dem Putschversuch taten ihr Übriges. Und als Erdoğan nach Absagen von Wahlkampfauftritten seiner Minister in Europa davon sprach, dass kein Europäer mehr in der Türkei sicher sei, versaute er den Menschen an der Mittelmeerküste vollends das Geschäft.

Zwei Städte aber überraschen dann doch: Istanbul, Erdoğans Heimatstadt und Ankara, seine Hauptstadt. Die Ergebnisse in beiden Städten sind für sich genommen so knapp wie der Ausgang landesweit, nur eben mit dem Nein-Lager um Haaresbreite vorne. Beide Städte mussten in jüngster Zeit besonders leiden: überzogen mit Terroranschlägen von abwechselnd der PKK und dem IS und kurzzeitig in der Hand von Putschisten am 15. Juli 2016. Viele Städter sehen in Erdoğan die Lösung für diese Misere. Doch eine knappe Mehrheit sieht in ihm eher die Wurzel des Übels. Selbst in den beiden wichtigsten Städten gibt es also keine gemeinsame Vision von der Zukunft des Landes.

Zu sehen ist die Spaltung aber auch im Südosten, wo Erdoğan viele kurdisch geprägte Provinzen an das Nein-Lager verlor. Dabei war der Präsident nicht immer so unbeliebt dort. Es gab Zeiten, da konnte Erdoğan viele Stimmen in den kurdisch geprägten Gebieten im Südosten für sich gewinnen. Er sorgte dafür, dass dort die Strom- und Wasserversorgung besser wird, erlaubte kurdischsprachige Fernsehsender und war der erste türkische Premier, der die Kurdenfrage offen diskutierte.

Doch viele Kurden scheinen nun gemerkt zu haben, dass diese Zuneigung schnell kippen kann, wenn die nötigen Stimmen ausbleiben. Nachdem bei den Parlamentswahlen im Juli 2015 die prokurdische HDP, unter deren Dach sich weitere linke und liberale Gruppen vereinigten, Erdoğans AKP die absolute Mehrheit abjagte, zerbrach der Waffenstillstand zwischen der PKK und der Regierung. Seither herrschen in einigen Regionen im Südosten bürgerkriegsähnliche Zustände.

Dies blieb nicht ohne Wirkung. Der unfaire Wahlkampf und die einseitige Berichterstattung der AKP-treuen Presse konnten zwar viele Wähler blenden, aber in den kurdisch geprägten Provinzen nahe der iranischen und irakischen Grenze kann Erdoğan die Realität nicht übertünchen. Viele leiden seit Monaten unter Ausgangssperren, ganze Kleinstädte und Dörfer sind zerbombt. Amnesty International zufolge sind Hunderttausende Menschen aus ihrer Heimat vertrieben worden.

Abgestraft wurde Erdoğan beim Referendum jedoch nicht. Das liegt daran, dass die meisten Kurden konservative sunnitische Muslime sind - wie der Präsident. Die Konfliktlinien verlaufen in der Türkei nicht nur zwischen Stadt und Land, sondern auch zwischen Frommen und Laizisten.

Inmitten der "Ja"-Landschaft in Südostanatolien fällt ein Fleckchen des "Nein"-Lagers auf. Mittendrin liegt es. In dieser Region, der Provinz Tunceli, lehnten im landesweiten Vergleich mit Abstand die meisten Wähler die Verfassungsänderung ab: 80,4 Prozent waren dagegen. In Tunceli (Kurdisch: Dersim) leben vor allem Aleviten. Und die zählen in Erdoğans Welt der Polarisierung zu "den Anderen".