bedeckt München 16°

Streit zwischen Türkei und Griechenland:Ausbruch militärischer Gewalt droht

Militärübung in Griechenland

Griechenland, Mittelmeer: Ein Kampfjet der griechischen Luftwaffe am nimmt an einer griechisch-amerikanischen Militärübung südlich der Insel Kreta teil.

(Foto: dpa)

Ankara und Athen liegen nicht nur im Streit um die Gasvorkommen im Mittelmeer über Kreuz - die beiden Nachbarstaaten verbindet eine über hundertjährige Feindschaft. Deutschland muss vermitteln.

Kommentar von Tomas Avenarius, Istanbul

Zu beneiden ist der deutsche Außenminister wirklich nicht. Zwischen Türken und Griechen zu vermitteln, wäre auch für weit erfahrenere Diplomaten als einen Mann wie Heiko Maas kein Vergnügen. Ankara und Athen liegen nicht nur im aktuellen Streit um die Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer über Kreuz. Die beiden Nachbarstaaten verbindet zudem eine weit über hundertjährige Feindschaft, die meist versteckt und manchmal sehr, sehr offen ausgetragen wurde. Auch wenn beide Länder Mitglieder der Nato sind, ist das bedauernswerterweise bis heute so geblieben.

Beide Nationen setzen zudem gern auf martialische Theatralik, wenn sie mit nüchtern vorgetragenen Argumenten nicht ans Ziel gelangen. Das geschieht auch derzeit. Die Türken lassen von Kriegsschiffen eskortierte Forschungsschiffe in Gewässern nach Bodenschätzen suchen, in denen sie nach griechischer Lesart nichts zu suchen haben. Den Griechen, denen das Völkerrecht zumindest im Grundsatz recht gibt, fällt allerdings auch nichts Raffinierteres ein, als sofort die eigene Kriegsmarine loszuschicken. Der eine rasselt mit dem Säbel, der andere schwingt den Morgenstern: Klug ist das alles nicht.

Ziemlich gefährlich ist es aber: Einmal schon musste die Bundeskanzlerin - offenbar im sprichwörtlich letzten Moment - dazwischengehen beim Schaulaufen der Fregatten und Korvetten von Türken und Griechen im östlichen Mittelmeer. Vor wenigen Tagen sind dann zwei der feindlichen Kriegsschiffe bei ihren gefährlichen Ausbremsmanövern rund um die türkischen Forschungsschiffe auch noch zusammengestoßen. Das sind Situationen, die sehr schnell - und eigentlich ungewollt - zum Äußersten führen können.

Unabhängig vom aktuellen Ergebnis der Vermittlungsreise des Heiko Maas zwischen Athen und Ankara ist längst klar geworden, dass sie ihren Konflikt allein weder lösen wollen noch lösen können. Auch das Ziel, das bei einer Vermittlung angestrebt werden muss, ist erkennbar. Gebraucht wird eine Verhandlungslösung, die zu einer halbwegs fairen Verteilung des Rohstoffreichtums führt, ohne dass die seit fast 100 Jahren bestehenden Grenzen der beiden Staaten infrage gestellt werden.

In den kommenden Wochen und Monaten diplomatisch mit Leben zu füllen, was zwischen dem Ist-Zustand und dem Ziel brachliegt, ist nun die Aufgabe von Berlin, in Person von Heiko Maas. Gelingt ihm dies nicht, ist der Ausbruch von militärischer Gewalt beinahe schon vorgezeichnet.

© SZ vom 26.08.2020/lalse
Die Hagia Sophia öffnet als Moschee

SZ Plus Hagia Sophia
:Werk einer verrückten Ära

Atatürk hatte die Hagia Sophia in Istanbul einst in ein Museum verwandelt. Ging es ihm dabei um Außenpolitik, Tourismus - oder doch eher um eine persönliche Leidenschaft? Über die Geschichte eines mächtigen Gebäudes.

Gastbeitrag von Klaus Kreiser

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite