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Türkei und Griechenland:Entspannung im Mittelmeer

Gleiche Richtung? Die Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu, l., und Nikos Dendias sind bemüht um türkisch-griechische Annäherung.

(Foto: Angelos Tzortzinis/AFP)

Beim Besuch des türkischen Außenministers Çavuşoğlu in Griechenland signalisieren beide Staaten den Willen zur Annäherung. Allerdings stören Provokationen des Gastes das Bild der Harmonie.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Die Türkei und Griechenland bemühen sich um Entspannung im Mittelmeer-Konflikt. Die zerstrittenen Nachbarstaaten einigten sich darauf, dass der türkische Staatschef und der griechische Regierungschef sich am Rande eines anstehenden Nato-Treffens treffen werden. Präsident Recep Tayyip Erdoğan und Premierminister Kyriakos Mitsotakis würden während des Nato-Gipfels am 14. Juni in Brüssel zu einer eigenen Begegnung zusammenkommen, hieß es nach dem Athen-Besuch des türkischen Außenministers Mevlüt Çavuşoğlu.

Nach den Gesprächen Çavuşoğlus am Montag mit seinem Amtskollegen Nikos Dendias sowie Mitsotakis sprachen griechische Regierungskreise von einer freundlichen Atmosphäre. Çavuşoğlu erklärte, im Sinne einer Verbesserung des Verhältnisses sei Ankara bereit zu einem "Dialog ohne jede Vorbedingungen".

Das erkennbare Bemühen um Annäherung war keineswegs selbstverständlich. Bei einer Begegnung der Außenminister im April in Istanbul war es noch zu einem öffentlichen Schlagabtausch gekommen. Dabei ging es vor allem um den anhaltenden Streit über die etwaigen Anrechte Athens und Ankaras auf vermutete Erdgasvorkommen im östlichen Mittelmeer.

Der Konflikt um den Verlauf der Landesgrenzen im Meer, der durch die große Zahl der oft sehr kleinen griechischen Ägäis-Inseln erschwert wird, belastet das Verhältnis seit Jahrzehnten. Dies führt immer wieder zu Situationen, in denen die Nachbarstaaten sich militärische Gewalt androhen. So war 2020 eine kriegerische Auseinandersetzung zur realen Gefahr geworden. Die Türkei hatte Forschungsschiffe in die umstrittenen Gewässer geschickt und sie von Kriegsschiffen begleiten lassen. Griechenland reagierte, indem es ebenfalls Fregatten in Fahrt setzte. Erst durch Vermittlung der Europäischen Union und Deutschlands entspannte sich die Lage. Auch die seit 2016 ausgesetzten griechisch-türkischen Gespräche über Lösungen für die Grenzstreitigkeiten wurden wieder aufgenommen.

Wie grundsätzlich der Streit trotzdem bleibt, zeigte sich an einer Äußerung Çavuşoğlus zu Beginn seines Athen-Besuchs: Er hatte Griechenland vorgeworfen, seine EU-Mitgliedschaft "als Hebel gegen die Türkei zu instrumentalisieren". Der Streit lasse sich nur bilateral lösen, sagte er einer griechischen Zeitung.

Türkei behält sich vor, die Rechte griechischer Muslime anzumahnen

Die Rohstofffrage strahlt dabei auf den Konflikt um die Insel Zypern ab. Auch vor der geteilten Insel werden große Gasvorkommen vermutet, um die sich die Republik Zypern und die völkerrechtlich nur von der Türkei anerkannte Türkische Republik Nordzypern streiten. Das nahm Çavuşoğlu zum Anlass, um zu betonen, dass "wir angesichts der einseitigen, maximalen Forderungen Griechenlands und der griechischen Zyprer entschlossen sind, die Rechte der Türkei und der türkischen Zyprer zu bewahren".

Zudem hatte Çavuşoğlu zu Beginn seiner zweitägigen Griechenland-Visite die dortige muslimische Minderheit besucht und anschließend Athen per Twitter vorgeworfen, die Rechte der griechischen Muslime nicht ausreichend zu schützen. Im überwiegend christlich-orthodoxen Griechenland leben im Landesteil Westthrakien rund 130 000 Muslime. Obwohl sie griechische Staatsbürger sind, behält sich die muslimische Türkei vor, ihre Rechte zu vertreten. Athen reagierte verärgert und erklärte, Bedingung für eine verbesserte Beziehungen zur Türkei sei "die Achtung internationalen Rechts". Zudem bestritten die Griechen jede Benachteiligung der Muslime.

© SZ/hum
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