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Türkei:Erdoğan und Putin spielen mit hohem Risiko

Putin und Erdogan

Gelegenheitsopportunisten: Recep Tayyip Erdoğan und Wladimir Putin

(Foto: AFP)

Nach der Ermordung des russischen Botschafters bringt Ankara und Moskau nicht die Vernunft zusammen, sondern Interessen in Syrien. Das ist gefährlich.

Alle erdenklichen Eskalationen hätte die Ermordung des russischen Botschafters in Ankara nach sich ziehen können. Auch wenn der Angriff auf einen höchsten Staatsvertreter heute glücklicherweise nicht mehr automatisch mit einem Angriff auf den Staat gleichgesetzt wird, so hätte der Tod von Andrej G. Karlow durchaus in einen begrenzten kriegerischen Konflikt münden können. Hätte der Attentäter die Kugeln unmittelbar nach dem Abschuss des russischen Kampfflugzeuges durch die Türkei vor einem guten Jahr abgegeben, die Folgen wären kaum zu kalkulieren gewesen.

In diesem einen Jahr aber hat sich das russisch-türkische Verhältnis geradezu spektakulär gewandelt. Aus einem ganzen Bündel von Interessen und Abwägungen heraus haben sich die Präsidenten beider Länder im Bewusstsein ihrer autokratischen Allmacht persönlich angenähert. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn in Führungsstil, Eitelkeit und Machtbewusstsein finden sich momentan kaum ähnlichere Typen an der Spitze zweier Staaten als Recep Tayyip Erdoğan und Wladimir Putin. Beide sind Gelegenheitsopportunisten mit sicherem Instinkt für den Augenblick und hoher Anpassungsfähigkeit. Nach der Ermordung Karlows bringt sie also nicht die Vernunft zusammen, sondern Opportunität und Interessen.

Nach dem Botschaftertod regiert Vernunft - aus Kalkül

Im türkischen Interesse liegt es, den kurdischen Einfluss auf syrischem Terrain zu minimieren. Wenn schon nicht Baschar al- Assad vertrieben werden kann, dann muss wenigstens der kurdische Landgewinn gestoppt werden. Da kann und wird Russland helfen. Putins Interesse ist es, den syrischen Bürgerkrieg zu seinen (und Assads) Konditionen unter Kontrolle zu bringen - und dazu braucht er die Türkei als Stabilisator an der Grenze, nicht als Gegner. Der angebliche Kriegs-Schacher zwischen Putin und Erdoğan - Aleppo dem einen, die Stadt al-Bab dem anderen - passt in das Bild. Die Ermordung Karlows in Ankara steht einem Interessensausgleich im Weg - also darf sie nicht zum Politikum und schon gar nicht zum Anlass einer militärischen Konfrontation werden.

Die Umkehrung dieser Gleichung zeigt allerdings, wie gefährlich die Situation wirklich ist. Wäre Aleppo nicht gerade gefallen, suchte Russland nicht gerade die Verständigung mit Iran und der Türkei über die Verteilung des syrischen Kuchens - das Attentat würde in anderem Licht betrachtet. Die Türkei und Russland spielen mit hohem Risiko in der Region. Jede kleine Gewichtsverschiebung bringt das Interessen-Mobile aus dem Gleichgewicht. Und weil Aleppo nicht das Ende des Krieges bringen wird, die Kurden ihre territorialen Ambitionen nicht aufgeben wollen und Iran ein unberechenbarer Verbündeter auf dem Schlachtfeld bleibt, ist die Friedfertigkeit Putins und Erdoğans trügerisch.

Erdoğan sollte bei aller Erleichterung über die gerade waltende politische Vernunft Sorge machen, wie tief die Türkei in den Strudel von Radikalisierung und Terror geraten ist. Diese Gewalt wird immer nur neue Gewalt ausbrüten.

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