Wahlkampf in der Türkei:Erdoğan ist überall

Lesezeit: 4 min

-

AKP-Wahlkampfveranstaltung in Kayseri: In der Türkei sind die Anhänger von Erdoğans Regierungspartei überall.

(Foto: AFP)

Seit Atatürk hat kein Politiker die Türkei so sehr verändert wie Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Die Regierungspartei AKP hat er zu seiner eigenen Machtmaschine ausgebaut. Funktionäre, Anhänger, Gegner - eine Inspektion im Inneren.

Von Mike Szymanski, Istanbul

Die AKP, die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung, ist eine Machtmaschine. Nach jeder Parlamentswahl wurde die islamisch-konservative Kraft in der Türkei stärker. 2002 lag sie bei 34 Prozent, 2007 bei 47 Prozent, seit 2011 regiert sie mit fast 50 Prozent der Stimmen. Weder das Militär noch Gerichte konnten ihren Aufstieg stoppen. "Ab jetzt ist in der Türkei nichts mehr so wie es war", rief ihr Erfinder Recep Tayyip Erdoğan, heute Staatspräsident, zur Gründung 2001. Journalisten aus dem Ausland lässt die AKP kaum noch an sich heran. Eine Inspektion im Inneren.

Der Funktionär

Antakya, im Süden der Türkei. Ankara ist fern, ein paar Kilometer weiter beginnt Syrien. Ahmet Atiç ist AKP-Vorsitzender in der Provinz Hatay. Hier leben anderthalb Millionen Türken. Schon der Schreibtisch von Atiçs Sekretärin ist größer als der vieler Oppositionspolitiker in Ankara. Der Parteiname funkelt in goldenen Großbuchstaben am Haus. Vor Atiçs Schreibtisch stehen Rosen, die den Kopf ein wenig hängen lassen. Von dem Politiker kann man das nicht behaupten: "Die Vernunft der Nation wird dafür sorgen, dass wir nach dem 7. Juni wieder alleine regieren können."

In den Umfragen läuft es gerade nicht so gut für die AKP, womöglich verliert sie sogar die absolute Mehrheit und braucht einen Koalitionspartner. Das hält Atiç aber nur für miese Feindpropaganda. Man möge ihm bitte einen Augenblick zuhören, es sei gar nicht so schwer zu verstehen. Die Erstwähler bei dieser Wahl waren fünf Jahre alt, als die AKP in der Türkei an die Macht kam. Sie wuchsen mit der AKP auf. "Sie erwachen politisch und finden neue Brücken, Staudämme und Flughäfen vor. Und wir sagen ihnen: Hört, vor uns war Finsternis. Wollt ihr, dass es wieder dunkel wird?"

Seit Atatürk hat kein Politiker das Land mehr so verändert wie Erdoğan. Für Atiç ist er sogar ein Befreier. Er ist wie Erdoğan frommer Muslim. Wie Erdoğan hat er ein religiöses Gymnasium besucht und hatte danach Schwierigkeiten, an der Uni genommen zu werden. Im laizistischen System der Türkei waren die Religiösen die Problemschüler.

Political Parties Hold Rallies Ahead Of Turkish Parliamentary Election

Die Erstwähler wuchsen in AKP-Land auf, sie kennen nichts anderes. Darauf setzt die Regierungspartei im Wahlkampf.

(Foto: Gokhan Tan/Getty Images)

Atiç wollte Jura studieren. Er musste ins Ausland. Als er in die Türkei zurückkehrte, hatte Erdoğan diese Ungleichbehandlung 2004 mit einer Hochschulreform beendet. Und Atiç fing an, Politik für die AKP zu machen. Mittlerweile glaubt er, dass der politische Wettbewerb, der Streit über die richtige Politik ein für alle Mal entschieden ist - zugunsten der AKP. Fernsehduelle? "Wir haben keine Zeit für Diskussionen", sagt Atiç.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema