bedeckt München 22°
vgwortpixel

Türkei:Eine Nacht, die an Krieg erinnert

Szenen aus der Nacht: Türkische Putschisten werden in Istanbul von Zivilisten verhaftet.

(Foto: AP)
  • Nach einer dramatischen Nacht ist klar, dass der versuchte Militärputsch gegen den türkischen Präsidenten Erdoğan gescheitert ist.
  • 161 Zivilisten und Sicherheitskräfte sowie 104 Putschisten sind dabei ums Leben gekommen.
  • Tausende Menschen gingen auf die Straße, um gegen den Umsturzversuch zu demonstrieren - damit hatten die Umstürzler offenbar nicht gerechnet.
  • Die türkische Regierung beschuldigt den islamischen Prediger Fethullah Gülen, hinter dem Putsch zu stecken, und fordert seine Auslieferung aus den USA.
  • Im Laufe des Tages sind zwei Generäle und fast 3000 weitere Armeeangehörige festgenommen worden - Erdoğan spricht davon, die Streitkräfte zu "säubern".
  • Politiker aus aller Welt mahnen zur Zurückhaltung.

Die Bilder aus der Türkei erinnerten an ein Kriegsgebiet: Die ganze Nacht über fielen Schüsse, waren Explosionen zu hören. In Istanbul blockierten Panzer die Bosporusbrücken, Soldaten eröffneten das Feuer auf Demonstranten. Kampfjets donnerten im Tiefflug über die Stadt und verursachten dabei einen so heftigen Knall, dass Fensterscheiben barsten. Auch über der Hauptstadt Ankara kreisten Kampfflugzeuge und Militärhubschrauber. Das Parlamentsgebäude wurde durch Beschuss beschädigt. Es war eine der dramatischsten Nächte, die das Land jemals erlebt hat.

Teile des Militärs hatten in der Nacht auf Samstag versucht, gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zu putschen. Sie besetzten den staatlichen Rundfunksender TRT und ließen eine Erklärung verlesen, wonach sie die Macht übernommen hätten. Die nachfolgenden Stunden verliefen chaotisch, doch der Putsch ist gescheitert. Die Lage sei nun "vollständig unter Kontrolle", erklärte Ministerpräsident Binali Yıldırım am Samstagmittag in Ankara. Der Umsturzversuch sei ein "Schandfleck für die türkische Demokratie". Die Nation habe aber die bestmögliche Antwort auf die Terroristen gegeben.

Militärputsch in der Türkei Putschversuch in der Türkei: Erdoğans Freunde, Erdoğans Feinde Video
Unruhen

Putschversuch in der Türkei: Erdoğans Freunde, Erdoğans Feinde

Wer steckt hinter dem Putsch in der Türkei, welche Rolle spielen das Militär, die Opposition und die Gülen-Bewegung? Ein Überblick über die wichtigsten Akteure in dem gespaltenen Land.   Von Luisa Seeling

In der Nacht waren Tausende Türken dem Aufruf des Präsidenten gefolgt und auf die Straße gegangen, um gegen den Putsch zu protestieren. Für viele von ihnen endete die Nacht tödlich: Insgesamt kamen nach offiziellen Angaben 161 Zivilisten und Sicherheitskräfte ums Leben, zudem wurden 104 Putschisten getötet. Mindestens 1440 Menschen wurden verletzt.

Regierung beschuldigt Predigers Gülen, hinter dem Putsch zu stecken

Als Schuldigen machte der türkische Premier Yıldırım eine "Parallelstruktur" in den Streitkräften aus, aus der heraus der Putschversuch unternommen worden sei - gemeint ist die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen, der seit 1999 im US-Exil lebt. Auch Erdoğan sieht Gülen als Drahtzieher der Ereignisse der vergangenen Nacht und fordert von den USA, ihn auszuliefern. Gülen war jahrelang ein Verbündeter der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP, Ende 2013 kam es aber zum Bruch.

Der türkische Arbeitsminister Süleyman Soylu deutete an, die USA steckten selbst hinter dem Umsturzversuch. Die USA wies den Vorwurf zurück. Außenminister John Kerry betonte, eine Auslieferung zu prüfen, sobald ein Antrag vorliege. Die USA werde etwaige vorgelegte Beweise überprüfen "und diese dementsprechend bewerten".

Erdoğan wirft Anhängern der Bewegung vor, Sicherheitskräfte, Polizei und Justiz zu unterwandern und die Regierung stürzen zu wollen. Ob tatsächlich Gülens Netzwerk hinter den Geschehnissen der vergangenen Nacht steht, ist jedoch unklar. Fethullah Gülen selbst wies die Vorwürfe der Regierung zurück und kritisierte den Putsch-Versuch als undemokratisch. Möglicherweise habe Erdoğan selbst die Aktion inszeniert, sagte Fethullah. Beobachter halten für möglich, dass kemalistisch orientierte Generäle hinter dem Angriff auf die Regierung stecken.

Militärputsch in der Türkei Solidarität nicht mit Erdoğan, sondern mit der Demokratie
Deutschland und die Türkei

Solidarität nicht mit Erdoğan, sondern mit der Demokratie

Ein Militärputsch in der Türkei? Die Bundesregierung wurde von den Ereignissen überrascht - und steht nun an der Seite Erdoğans. In Berlin hat niemand ein Interesse an einer instabilen Türkei oder gar einem Bürgerkrieg.   Von Nico Fried

Für ihren "Hochverrat" würden die Aufständischen einen Preis zahlen, sagte der Präsident. Er kündigte eine "Säuberung" der Armee an: "Dieser Aufstand ist für uns eine Gabe Gottes, denn er liefert uns den Grund, unsere Armee zu säubern." Nach Angaben des Regierungschefs seien bisher fast 3000 Armeeangehörige festgenommen worden. Darunter sind auch zwei Generäle, die jeweils einen der vier großen Teile der Landstreitkräfte kommandieren. Yıldırım brachte zudem die Wiedereinführung der Todesstrafe ins Gespräch.

Im Laufe des Tages sind 2745 der insgesamt etwa 15 000 Richter der Türkei abgesetzt worden. Zudem seien fünf Mitglieder des Hohen Rats der Richter und Staatsanwälte vom Dienst entbunden worden, meldete die Nachrichtenagentur Anadolu. Gegen die Juristen liefen Ermittlungen, hieß es zur Begründung. Mindestens ein, nach anderen Berichten zwei Verfasssungsrichter sind festgenommen worden.