Türkei Ein Spiel, das Spaß macht

Das hat es seit 2002, seit Recep Tayyip Erdoğan an der Macht ist, nicht mehr gegeben: Zwei Männer wetteifern um ein hohes Amt - und debattieren live und ungeschnitten.

Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Wie beim Fußball: Fernsehübertragung der Kandidatendiskussion in einer Bar in Istanbul.

(Foto: Chris McGrath/Getty Images)

Der Moderator sagte "meine liebe Türkei", wenn er Werbepausen ankündigte, und er fragte, was selten im türkischen Fernsehen gefragt wird: Warum etwa ein Kurde am kommenden Sonntag einen der zwei Bewerber für das Bürgermeisteramt in Istanbul wählen sollte?

Schon im Vorfeld galt die TV-Debatte, die am Sonntagabend von allen großen türkischen Kanälen übertragen wurde, als "historisch". Weil es so etwas in der Türkei seit 2002, seit Recep Tayyip Erdoğan an der Macht ist, nicht mehr gegeben hat: eine direkte Konfrontation von konservativ islamischer Regierungspartei und säkularer Opposition, von zwei Männern für ein hohes politisches Amt, in dem Fall das des Bürgermeisters von Istanbul, live und ungeschnitten.

Nun also Ekrem Imamoğlu gegen Binali Yıldırım, Neuling auf großer Bühne gegen Ex-Premier, CHP gegen AKP: In Kneipen und auf öffentlichen Plätzen, wo es Großleinwände gibt, verfolgten viele Istanbuler die Begegnung wie ein Fußballspiel, mit lauten Zwischenrufen. Es war eine warme Nacht, und wenn Kinder dazwischenplärrten, wurden sie zum Stillhalten ermahnt, oder der Fernseher lauter gestellt.

Eigentlich hatte Ekrem Imamoğlu die Wahl schon gewonnen - dann schritt Erdoğan ein

In den sozialen Medien wurde sekundenschnell mitkommentiert, Twitterumfragen sahen nach drei Stunden eher Imamoğlu als Sieger, weil er der Angriffslustigere war. Dagegen sangen Regierungsblätter am Montag im Chor: Yıldırım habe "Ruhe und Erfahrung" ausgestrahlt, Imamoğlu "gelogen".

Ekrem Imamoğlu, 49, war Sieger der Bürgermeisterwahl vom 31. März. Moderator Ismail Küçükkaya nannte ihn anfangs auch "Bürgermeister", obwohl der CHP-Politiker sein Amt nach 18 Tagen wieder abgegeben musste. Die oberste Wahlbehörde hatte nach der Intervention von Erdoğans AKP die Wahl annulliert, am Sonntag sind die 10,5 Millionen Wahlberechtigten in Istanbul erneut an die Urnen gerufen.

Begründet wurde dies nicht mit dem äußerst knappen Vorsprung Imamoğlus von nur gut 13 000 Stimmen, sondern mit der nicht "ordnungsgemäßen" Zusammensetzung der Zählkommissionen in einigen Wahllokalen. Yıdırım, 63, beharrte in der Debatte darauf, ihm seien Stimmen "gestohlen" worden. Davon steht nichts im Bericht der Wahlaufsicht, und Imamoğlu fragte nach: "Und wer hat die Stimmen gestohlen?" Das konnte Yıldırım nicht sagen.

Blank war der Ältere auch, als sein Gegner den Bericht des türkischen Rechnungshofs auf den Tisch legte, in dem der seit 25 Jahren konservativ regierten Stadtverwaltung Verschwendung vorgeworfen wird. Yıldırım gab zu, er habe den Bericht nicht gelesen. Er erntete dafür Häme im Internet, und Imamoğlu machte Musterschülerpunkte wegen guter Vorbereitung.

In einem Kongresszentrum hatte man für die Debatte einen großen weißen runden Tisch aufgestellt, dazu eine rote Digitaluhr. Moderator Küçükkaya, der als unabhängig gilt, hatte versprochen, er werde dafür sorgen, "dass das Spiel nach Regeln abläuft und sogar Spaß macht". Die Regeln - je drei Minuten für jeden - wurden von Küçükkaya souverän überwacht. Einige türkische Journalisten fanden die Debatte deshalb "langweilig" und "wenig lebendig", womöglich, weil die übliche Haudrauf-Rhetorik fehlte. Für türkische Verhältnisse wurde eher wenig geschimpft. "Er will die Hirne vernebeln", warf Yıldırım seinem Gegner an den Kopf. Der entschuldigte sich am Ende gleich ganz pauschal, falls er "etwas Beleidigendes oder Falsches" gesagt haben sollte.

Vor der landesweiten Kommunalwahl im März hatte Erdoğan persönlich die Stimmung angeheizt, er hatte praktisch die gesamte Opposition unter Terrorverdacht gestellt und die Abstimmung zur "Überlebensfrage" für das Land erklärt. Nun hat die AKP ihre Strategie geändert. Der Präsident hält sich auffallend zurück. Erdoğan hat vor dem Sonntag Auftritte in Istanbul abgesagt, er hat Yıldırım das Feld überlassen. Der zählte in der Debatte auf, in wie vielen Ämtern er seinem Land die letzten 16 Jahre "gedient" habe, als Verkehrsminister, Premier, Parlamentspräsident. Es klang fast wie eine Abschiedsbilanz.

Die in der Türkei selten zuverlässigen Umfrageinstitute geben Imamoğlu für Sonntag erneut einen leichten Vorsprung. Die "Elefantenrunde" im Fernsehen, so waren sich Meinungsforscher in Spontananalysen weitgehend einig, habe daran nichts geändert. Imamoğlu gilt seit seinem überraschenden ersten Sieg in der Megametropole - in der vor einem Vierteljahrhundert Erdoğans eigene Karriere begann - bereits als eine Art Popstar der so lange glücklosen Oppositionspartei.

Um Istanbul ging es erst im Schlussspurt der Debatte, die eigentlich nur zwei Stunden dauern sollte, aber dann spontan auf drei verlängert wurde, bis kurz nach Mitternacht: Beide Politiker wollen Arbeitsplätze schaffen und mehr Grün, Jugend- und Frauenzentren bauen, die Verkehrsprobleme der Stadt am Bosporus lösen. Für den erhofften Spaß sorgte zumindest Imamoğlu, der immer wenn ihm Yıldırım ins Wort fiel, feixend die Sekunden zählte, die er nun "gut" habe: sieben, zehn, fünfzehn, zwanzig.