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Türkei:Ditib bewegt sich einen Schritt in Richtung Deutschland

Ausbildungszentrum des Islam-Verbands Ditib

Markus Kerber (rechts), Staatssekretär im Bundesinnenministerium, gratuliert Kazim Türkmen, Vorstandsvorsitzender Ditib Bundesvorstand, zur Eröffnung des neuen Ausbildungszentrums der Ditib in der Eifel.

(Foto: dpa)
  • Ditib bildet erstmals Imame in Deutschland aus. Die Türkisch-Islamische Union hat dafür im Eifel-Ort Dahlem ein neues Zentrum errichtet.
  • Der Ditib-Bundesvorsitzende Kazim Türkmen spricht von einer "historischen Entwicklung nicht nur für die Ditib, sondern auch für Deutschland".
  • Markus Kerber, Staatssekretär im Bundesinnenministerium, sagt, in den vergangenen Jahren sei "viel Vertrauen verspielt worden".

Nein, der hohe Herr aus Berlin möchte nicht der Spielverderber sein an diesem trüben Donnerstagmorgen. "Dies ist ein wichtiger, ein zentraler Tag" sagt Markus Kerber, der Staatssekretär im Bundesinnenministerium. Kerber lächelt, und seine türkischen Gastgeber vor ihm blicken kurz erleichtert drein im kleinen Saal der Internationalen Begegnungsstätte in Dahlem, einer Kleinstgemeinde im hintersten Winkel der Nordeifel. Kerber erkennt an, dass die Ditib - "die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion" - "einen Schritt in die richtige Richtung gegangen sei", indem sie eine deutschlandweite Premiere aufführt: Erstmals wird die Ditib wenigstens einige ihrer Imame zur Betreuung türkisch-stämmiger Muslime in der Bundesrepublik schulen (statt sie nur aus der Türkei zu holen): "Besser später als nie", lobt Kerber - um dann doch die Stimmung zu dämpfen: Ob dieser Moment im Hochnebel der Eifel jedoch "historisch" zu nennen sei - "das werden die nächsten Jahre zeigen".

Die deutsche Seite plagen also weiterhin Zweifel. Kerber spricht da in Dahlem offen aus, was hinter vorgehaltener Hand genauso in Düsseldorf aus der NRW-Landesregierung zu hören ist: In den vergangenen Jahren hat man Geduld und Zuversicht zunehmend verloren. Deshalb wagt es der deutsche Gast, am Donnerstag seinem türkischen Gastgeber - dem Ditib-Bundesvorsitzenden Kazim Türkmen - in aller Feierlichkeit zu widersprechen. Zehn Minuten zuvor hatte Türkmen, ein von Ankara als diplomatischer Gesandter bezahlter Vertreter, in Dahlem geschworen: "Wir sind heute Zeugen einer historischen Entwicklung nicht nur für die Ditib, sondern auch für Deutschland."

Keine große Geschichte? Die Ditib hat, immerhin, einen kleinen Schritt gewagt. In Richtung Deutschland. Bisher nämlich sind etwa 90 Prozent der 1100 "Religionsbeauftragten", die in den über 900 Ditib-Gemeinden vorbeten, Seelsorge betreiben oder Kinder religiös unterweisen, nicht in Deutschland aufgewachsen. Viele dieser von Ankaras Religionsbehörde Diyanet entlohnten "Import-Imame" sprechen kaum Deutsch, verbreiten eine eher konservative Deutung des Koran und huldigen neben Allah ihrem irdischen Dienstherrn, dem Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Die seit gut zehn Jahren verstärkten Versuche, an inzwischen sieben deutschen Hochschulen eine islamische Theologie zu lehren, die sich zugleich an den Worten des Propheten wie dem Grundgesetz orientiert, betrachtete man bei Ditib lange als lästige Konkurrenz. Man grenzte sich ab - und lud in Deutschland aufgewachsene Muslime ein, lieber an Universitäten in der Heimat ihrer Großeltern zu studieren.

Ob der Schritt "historisch" war, werde sich in den nächsten Jahren zeigen, sagt der Staatssekretär

Das soll sich jetzt ändern, wenigstens ein kleines bisschen. "Neue Zeiten erfordern neue Lösungen für neue Bedürfnisse", kündigt Kazim Türkmen in Dahlem an. Zwischen Wäldern und Wiesen hat Ditib eine frühere Jugendherberge gekauft, für 1,1 Millionen Euro umgebaut. Am Donnerstag begann dort ein allererstes Blockseminar für 22 angehende "Religionsbeauftragte", die allesamt in Deutschland aufgewachsen sind. Türkmen erkennt an, dass vor allem junge Türken aus Familien, die in dritter oder vierter Generation in Berlin, Köln oder München wohnen, nach Predigern verlangen, die ihr Leben in Deutschland begreifen.

Nur, die Kontrolle über die Ausbildung ihrer Imame gibt die Ditib damit längst nicht aus der Hand. Von den 22 Seminaristen (unter ihnen immerhin 12 Frauen) haben nur zwei ihren Bachelor als Islamische Theologen in der Bundesrepublik erworben - die übrigen 20 studierten in der Türkei, an Unis unter Erdoğans Fuchtel. Absolventen deutscher Islam-Fakultäten will Ditib künftig nur zulassen, wenn man in deren Beirat mitreden dürfe (was bisher nicht überall der Fall ist). Und Ditib-Funktionäre lassen durchblicken, dass der Großteil der Religionsbeauftragten auch weiterhin von dort kommen solle, woher auch das Geld fürs Gehalt stammt: aus der Türkei.

In den vergangenen Jahren, so bedauert Staatssekretär Kerber, sei "viel Vertrauen verspielt worden". Er meint die Spitzelaffäre, als 2016 Erdoğan-hörige Ditib-Imame Gläubige denunzierten. Oder die Fälle, da in Ditib-Moscheen Kinder uniformiert und gedrillt militärische Siege der Türkei feierten. Kerber will mehr, er wünscht sich einen Neustart. Die Ditib, so empfiehlt der deutsche Gast, solle "einen Prozess der Beheimatung" wagen: Sie müsse sich entscheiden, ob sie als "eine in Deutschland verortete Religionsgemeinschaft" eine führende Rolle unter bundesdeutschen Muslimen ausfüllen wolle - oder ob sie nur "eine Auslandsorganisation" einer fremden Religionsbehörde bleiben wolle.

Das wäre dann wirklich "historisch". Nur, für solch einen Sprung war Dahlem am Donnerstag zu klein.

© SZ vom 10.01.2020
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