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Türkei:Die Türkei ist von giftigem Efeu überwuchert

Turkish riot policeman uses tear gas during a protest in central Istanbul

Wie im Vorübergehen sprüht der Polizist der Frau im roten Kleid Tränengas ins Gesicht. Das Bild entstand im Mai 2013, bei Protesten um die Neugestaltung des Gezi-Parks in Istanbul. Am Wochenende kam es erneut zu Zusammenstößen, wieder ging es um den Gezi-Park.

(Foto: Osman Orsal/Reuters)

Wir liberalen Intellektuellen hofften einst auf Tayyip Erdoğan. Aber dann verbündete er sich ausgerechnet mit den Ultranationalisten.

Während der ersten Jahre der AKP gab es eine Gruppe demokratischer intellektueller Liberaler, zu denen auch ich zählte, die die vom Volk gewählte Partei und damit auch Tayyip Erdoğan unterstützten. Damals hofften wir vor allem eines: Die Bevormundung des Landes durch das Militär, das die Türkei seit ihrer Gründung gefangen hielt, sollte endlich Vergangenheit werden. Die Armee sollte die Türkei gegen äußere Gefahren verteidigen - ihre Hauptaufgabe -, und nicht ständig Putsche planen.

Auftrieb erhielt die militärische Bevormundung stets durch die gegen Ende des Osmanischen Reiches entstandene Ideologie der Jungtürken. Wir liberalen Intellektuellen wollten die dunkle Ideologie des Kemalismus loswerden, der die jungtürkischen Gedanken in unsere Zeit getragen hatte. Wir wollten, dass unsere von der Armee manipulierte Politik sich zu einer echten Demokratie wandelt. Wir wollten den Kemalismus als Gründungs- und Gestaltungsreligion ins Grab schicken und wünschten uns eine Demokratie nach EU-Standards. Wir dachten, die von Erdoğan geführte AKP könnte uns diese Tür öffnen.

Unser Enthusiasmus galt nie der Person Erdoğan, sondern der Möglichkeit, dass er ein Demokrat sein könnte.

Tatsächlich verwirklichte die AKP von 2002 bis 2005 eine für uns beispiellose Anzahl demokratischer Reformen. Dann aber ging es immer langsamer, unwilliger. 2007 schien ihr Reformhunger gestillt zu sein. Seither kommt es täglich zu Probeläufen einer Diktatur Erdoğans. Dieser zeigt sich inzwischen westlichen Normen gegenüber fast feindlich.

Detaillierte Enthüllungen wiesen Erdoğan im Dezember 2013 Raub und Korruption nach. Seither klammert er sich noch leidenschaftlicher an die Macht. Er kämpfte ums Überleben - und fand einen furchtbaren Verbündeten: Eben jene jungtürkische Ideologie, jenen "tiefen Staat" (also geheime ultranationalistische Netzwerke mit Verbindungen in Militär, Geheimdienste, Universitäten und Medien), den er selbst einst bekämpfte.

Die EU trug ihren Teil zur Enttäuschung bei. Sie schlug der Türkei die Tür vor der Nase zu

Je mehr Erdoğan mit diesen Kräften und ihrer archaischen Ideologie kooperiert, desto tiefer versinkt die Türkei in der Dunkelheit. Der furchtbare Krieg etwa, den er gegen die Kurden entfesselt hat, wird mit einer Grausamkeit durchgeführt, die auch jene Jungtürken schätzen würden, die einst eben dieses Gebiet von Armeniern "säuberten".

Man soll sich nicht täuschen lassen von Erdoğans Feilscherei mit den Deutschen und Europäern über die Rückführung der Flüchtlinge. In Wirklichkeit ist er sehr zufrieden mit den 3,5 Millionen Syrern in der Türkei, weit öffnete er ihnen die Türen. Jetzt fordert er von ihnen und von den eigenen Leuten, dass sie mehr Kinder zeugen, um sie in den zerstörten Städten des Kurdengebietes anzusiedeln und die Gebiete so zu arabisieren. Für einen Größenwahnsinnigen wie Erdoğan, der sich für einen neo-osmanischen Sultan, den neuen Kalifen hält, auf den die islamische Welt gewartet hat, für ihn sind die syrischen und irakischen Flüchtlinge kein Fluch, sondern ein Segen.

Wie aber konnte sich unser Traum von einer türkischen Demokratie in einen solchen Albtraum verwandeln? Die EU hat ihren Teil dazu beigetragen. Sie zeigte Erdoğan trotz seiner vielen Reformen in den Anfangsjahren keine Wertschätzung, sie wollte ein christlich-weißer Jungenklub bleiben und schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Erdoğan reagierte wie ein komplexbeladener Teenager: gebrochen, demoralisiert, wütend, und mehr und mehr hasserfüllt. Dann kam der Arabische Frühling, künstlich aufgeblasen auch durch unseren damaligen Außenminister und späteren Premier Ahmet Davutoğlu. Erdoğan fing an zu glauben, er wäre der Befreier der islamischen Welt. Danach richtete er Innen- wie Außenpolitik aus und entfernte sich von den Träumen und Normen der Europäischen Union.

Ihr werdet uns nicht mehr sehen. Aber ihr sollt wissen, dass wir getötet werden. Wir sterben.

Auf dem Weg häufte er eine Menge verbrecherischer Taten an: Seine Politik schürte die Spannungen in Syrien, bis dort der Bürgerkrieg eskalierte, dann sah er im so genannten Islamischen Staat eine nützliche sunnitische Waffe. Die Türkei bot IS-Kämpfern gar Unterschlupf an und erlaubte ihnen, Verletzte in türkischen Krankenhäusern behandeln zu lassen.

Andererseits brauchte der tiefe Staat nicht lange, um sich mit Erdoğan zu verbünden. Mit ihm bekamen die ultranationalistischen Netzwerke einen islamischen Führer in die Hand, der sie kurz vorher noch vernichten wollte. Von Tag zu Tag tanzt Erdoğan williger nach ihrer Pfeife. Nicht nur wurden die von Erdoğan einst vor Gericht gestellten Angeklagten des letzten Putschversuches mittlerweile auf freien Fuß gesetzt - sie schwärmen öffentlich, wie sehr Erdoğan ihnen gefällt. Und nach der Resolution des Deutschen Bundestages zum Völkermord an den Armeniern erschienen die Medien der AKP und die Zeitungen der Ultranationalisten mit denselben Überschriften. Was für eine Harmonie! Was für ein fürchterlich dunkler Einklang!

Der Erdoğanismus und der türkische Nationalismus üben begeistert den Schulterschluss. Das ist herzzerreißend, denn wieder einmal ist das Opfer die türkische Demokratie. Eine Demokratie, deren Keime in den ersten Jahren der AKP noch wachsen konnte.

Die Türkei ist wie ein Haus, das von giftigem Efeu überwuchert wird. Bald werden alle Fenster hinter islamischen und jungtürkisch-nationalistischen, giftigen grünen Zweigen und Blättern versteckt sein. Ihr werdet uns nicht mehr sehen, unsere Stimmen nicht mehr hören können. Ihr sollt aber wissen, dass wir hier drin getötet werden. Wir sterben. Die Ära Erdoğan begann mit der Chance, die Türkei in eine Demokratie nach westlichen Normen zu verwandeln. Nun werden Kurden getötet, Soldaten getötet, Kinder getötet. Wir werden getötet.

Perihan Mağden, geboren 1960 in Istanbul, ist Schriftstellerin und Journalistin. Zuletzt erschien von ihr auf Deutsch "Ali und Ramazan" (Suhrkamp-Verlag). Sie lebt in Istanbul.

Deutsch von Selçuk Caydı und Kai Strittmatter.

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