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Türkei:Im Wartezimmer des Westens

Adiba Qassim würde gerne nach Deutschland. Doch sie und ihre Familie haben nichts mehr, was sie den Schleusern noch geben könnten.

Adiba Qassim hatte Glück. Sie konnte vor den IS-Terroristen fliehen. Jetzt hängt sie in der Türkei fest. Besuch bei Menschen, die vom Krieg eingeholt werden.

Von Mike Szymanski, Şırnak

Adiba Qassim zeigt auf die unruhige Linie, die Himmel und Erde trennt. An der höchsten Stelle macht ihr Finger halt. "Schau!", sagt die Frau. "Das ist der Cudi-Berg." Auf dem Gipfel habe sich Biblisches zugetragen. Sie erzählt, was die Leute ihr erzählt hatten, als sie hier ankam: die Geschichte zum Berg. Der islamischen Überlieferung nach legte die Arche Noah auf dem Cudi-Berg an. Als der Regen aufhörte und sich das Wasser zurückzog, war dies ein Ort des Neuanfangs.

Adiba Qassims Geschichte hat noch kein Ende gefunden, kein gutes jedenfalls. Auch sie ist einer Katastrophe entronnen. Aber im Leben der 21-Jährigen hat sich weder der Himmel aufgehellt, noch ist etwas gut geworden. Zwischen ihr und dem Cudi-Berg verläuft Stacheldraht.

Zwei Millionen Flüchtlinge hat die Türkei aufgenommen. Großbritannien diskutiert über 15 000

Die Frau wohnt mit ihrer Familie am Fuße des Zweitausenders in der südostanatolischen Stadt Şırnak in einem Flüchtlingslager. Syrien ist gut 40 Kilometer entfernt, in den Irak ist es auch nicht weiter. In beiden Ländern herrscht Gewalt, dort terrorisieren die Eiferer des Islamischen Staates die Bevölkerung. Zwei Millionen Flüchtlinge hat die Türkei bei sich aufgenommen. Und jetzt reisen viele von ihnen weiter. In Europa wird gerade diskutiert, ob England 15 000 aufnimmt. So sind die Verhältnisse. Adiba Qassim ist mit ihrer Familie vor einem Jahr aus dem Irak geflohen. Sie hatten keine Arche, die Schutz bot. Sie sind zu Fuß über die Berge gekommen. Sie konnten sich gerade noch rechtzeitig vor den Schlächtern des IS in Sicherheit bringen, die ihr Dorf ausgelöscht hatten.

Die Frau fühlt sich um ihren Neuanfang betrogen. "Ich will hier nicht bleiben." Das Camp hat zehn heruntergekommene Häuser auf dem abgelegenen Gelände eines ehemaligen Kohleabbauareals. Drinnen: Matratzenlager anstatt Betten. Schüsseln statt Spüle. Großfamilie auf 15 Quadratmetern statt Privatsphäre. Das Camp ist so voll, dass einige sich aus Sperrholz Pritschen zum Schlafen im Freien gebaut haben.

Am schlimmsten ist die Abgeschiedenheit - wer nicht hier raus an den Stadtrand muss, kommt auch nicht. 439 Menschen zählen die Tage runter.

Für das Nötigste ist gesorgt. Es muss niemand hungern. Aber Zeit gibt es zu viel. Kinder holen in Plastikeimern das Essen aus der Küche. Reis und Bohnen, wie so oft. Gegessen wird im Raum, der nachts Schlaflager ist und tagsüber Kinderzimmer und Wohnzimmer. Möbel gibt es selten. Die Perspektive: trostlos.

Wohin Adiba Qassim will? Bloß weg hier. "Nach Deutschland." Fast alle wollten nach Deutschland. Ihre Schwester und ihr Bruder haben sich schon aufgemacht. 9000 Dollar pro Person hätten sie Schleusern gezahlt. Andere Flüchtlinge berichten von 10 000 Dollar. Einen Monat dauert die riskante Tour. Wer das Geld hat, findet Schleuser. Oder umgekehrt - die Schleuser finden ihre Kunden. "Es ist ein Netzwerk", sagt Adiba Qassim. Sie wüsste, wen sie anrufen müsste. Sie und ihre Eltern hängen aber fest, weil sie nichts mehr haben, was sie den Schleusern noch geben könnten. Das sind im Übrigen für sie keine schlechten Menschen, weil sie ihre Landsleute in zu kleine Boote stopfen oder in Laster pferchen, sondern Helfer, die eben "Money" für ihre Dienste haben wollen.

Die Irakerin will wissen: "Wie ist Deutschland?" Eine gute Frage. Von Heidenau haben die Flüchtlinge hier noch nichts gehört. Dass es Menschen gibt, die sie in Deutschland nicht wollten, beunruhigt sie nicht. "Die gibt es überall", sagt Mirza Farsi, 45 Jahre alt, von Familie und Freunden in seinem Zimmer umgeben. Seine große Tochter und ihren Bruder hat er nach Deutschland geschickt hat. Letzte Woche sind sie in München angekommen. Er, seine Frau und drei weitere Kinder mussten zurückbleiben, weil sie kein Geld mehr haben. Warum Deutschland? "Da bringt dich niemand wegen deiner Religion um."

Viele Tausend Flüchtlinge kommen jeden Tag in Deutschland an, mit nichts als dem, was sie tragen können und großer Hoffnung. Hunderttausende Menschen sind auf den Beinen - sie fliehen vor dem Krieg in ihrer Heimat, vor Armut, vor Ausweglosigkeit. Und viele schaffen es nicht.

Leben in der Kampfzone

Vergangene Woche hat das Mittelmeer den toten Körper des dreijährigen Aylan Kurdi an den Strand von Bodrum zurückgespült. Der Junge gehörte einer Gruppe an, die per Boot die griechische Insel Kos erreichen wollte. Ein Foto des leblosen Kinderkörpers ging um die Welt und wurde zum Symbol für gescheiterte Sicherheits- und Flüchtlingspolitik.

Man muss ans andere Ende der Türkei fahren, nach Şırnak. In diese kleinen Wartezimmer in den Westen. Ein Besuch dort hilft zu verstehen, warum sich noch so viele weitere Menschen nach Europa aufmachen werden.

Warum Bilder von toten Kindern wie das von Aylan Kurdi ihnen zwar das Herz zerreißen, sie aber trotzdem nicht davon abhalten werden, die gefährliche Reise auf sich zu nehmen. In Griechenland sind allein in diesem Jahr mehr als 200 000 Flüchtlinge angekommen. Im Januar waren es 1800, zwischen dem 1. und 21. August nach Zahlen des Flüchtlingshilfswerks UNHCR fast 60 000. Die meisten kommen über die Türkei. Selin Ünal, UNHCR-Mitarbeiterin in der Türkei, sagt: In Syrien tobe der Krieg seit fünf Jahren. "Viele verlieren die Hoffnung, zurückkehren zu können."

Die immer stärker wütenden IS-Milizen wollte Erdoğan als Gefahr nicht wahrhaben

An der instabilen Lage im Nachbarland ist die Türkei nicht unbeteiligt. Die türkische Regierung unter Recep Tayyip Erdoğan verfolgte in Syrien ihre eigene Agenda. Das Assad-Regime hätte Erdoğan am liebsten gestürzt, die immer stärker wütenden IS-Milizen wollte Erdoğan als Gefahr nicht wahrhaben. Die Regierung konnte bis heute den Vorwurf nicht entkräften, den IS sogar logistisch unterstützt zu haben.

Die Türkei hat Syrien-Flüchtlinge die meiste Zeit über bereitwillig aufgenommen. Der Staat betreibt nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks 23 große Camps, in denen derzeit 260 000 Syrer lebten. Die große Mehrheit der Flüchtlinge schlägt sich auf eigene Faust im Land durch. Im Stadtbild von Istanbul sind die Familien nicht zu übersehen, die betteln. Dass es bislang nicht zu größeren Spannungen gekommen ist, sagt viel über die Hilfsbereitschaft der Gesellschaft aus. Der Staat gestattet den Flüchtlingen, ihre Kinder auf türkische Schulen und sogar zum Studium an die Universitäten zu schicken.

Anfangs war man in Ankara davon ausgegangen, es sei nur eine Frage der Zeit, bis Assad stürzt und sich das Land wieder beruhigt. Ein Konzept für den Fall, dass die vielen Flüchtlinge bleiben werden, hat die Regierung aber bis heute nicht. So kommt es, dass Roşhan Bozan, 39, für sich, seine Frau und die drei Kinder eine Wohnung im Zentrum von Şırnak hat, aber keine Wurzeln in diesem Land schlagen möchte: Vier Zimmer, ein Teppich, in den die Worte "Ich liebe dich" gewebt sind, keine Möbel außer einer leeren Kommode, auf der ein Fernseher steht. Er könnte jederzeit weg. Aber auch er steckt in Şırnak fest. Und jetzt holt der Krieg ihn sogar ein. Seitdem das türkische Militär wieder gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei vorgeht, lebt er in einer Kampfzone. Täglich wird geschossen. Wer Schutz suchte, ist auch in der Türkei nicht mehr wirklich sicher.

Die Europäische Union hat ihren Beitrittskandidaten Türkei ziemlich alleine mit den Hilfesuchenden gelassen. Ihre hohen Repräsentanten meiden das Land. Die Türkei hätte einmal Brücke in die arabische Welt sein sollen. Jetzt hält man lieber Distanz - von beiden Seiten. Bereits im Juli warnte Europa-Minister Volkan Bozkır: "Es könnte eine Flüchtlingswelle kommen, die die Kraft der Türkei überschreitet." Während das Land sechs Milliarden Dollar für die Flüchtlingshilfe ausgegeben habe, habe die EU lediglich 70 Millionen Euro an Hilfe in Aussicht gestellt. Nach dem Tod des Jungen Aylan gab Erdoğan Europa, das sich versuche abzuschotten, eine Mitschuld. "Es sind nicht nur Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken, es ist die Mitmenschlichkeit."

An der türkischen Küste steigen Flüchtlinge im Licht der Kamerascheinwerfer von Fernsehteams in die wackeligen Schlauchboote und paddeln nach Griechenland. Niemand hält sie wirklich auf.

© SZ vom 07.09.2015
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