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Türkei:Der Zorn der von Europa Enttäuschten

Kein anderer europäischer Staat erlebt derzeit eine solche Welle der Gewalt wie die Türkei.

(Foto: AP)

Viele Türken haben den Eindruck, für die Europäer sei ein Anschlag in Paris schlimmer als ein Attentat in Istanbul. Sie fühlen sich von Europa verlassen - und Präsident Erdoğan nutzt das aus.

Kommentar von Mike Szymanski

In der Türkei ist man nicht nur Kummer gewohnt, das wäre schon traurig genug. Dort ist man Terror gewohnt. Die neuen Wunden, die der Anschlag vom Dienstag in Istanbul mit mindestens elf Toten reißt, werden ebenso verstörend schnell vernarben wie jene Wunden nach den Anschlägen in Ankara und Istanbul in den vergangenen Monaten. Jeder weitere Anschlag führt dazu, dass dieses Land abgestumpfter und abweisender wird. Am Ende: fremder.

Kein anderer europäischer Staat erlebt derzeit eine solche Welle der Gewalt wie die Türkei. Das Land kämpft gleich an zwei Fronten: Seit einem Jahr verübt die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK Anschläge. Auch die Terroristen des sogenannten Islamischen Staates strecken ihre Finger nach der Türkei aus. Im Oktober rissen zwei seiner Attentäter in Ankara bei dem größten Anschlag in der jüngeren Geschichte des Landes hundert Menschen mit sich in den Tod. Gemessen an der Anteilnahme nach den Terrorattacken von Paris und Brüssel hält sich das internationale Mitgefühl mit der Türkei aber seltsamerweise in Grenzen.

Zwischen Merkel und Erdoğan wächst kein Vertrauen

Bei vielen Türken hat sich der Eindruck festgesetzt, ein Anschlag in Paris schmerze Europa weit mehr als ein Anschlag in Istanbul. Diese Wahrnehmung fügt sich in ein komplexeres Bild - das einer großen Enttäuschung. In der Flüchtlingskrise hat Europa gezeigt, wie selektiv die Staatengemeinschaft auswählt, wem geholfen wird und wem nicht. Am Ende auch: wer dazugehört und wer nicht. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass Kanzlerin Angela Merkel im Moment fast häufiger bei Präsident Recep Tayyip Erdoğan zu Besuch ist als beim französischen Staatschef François Hollande. Zwischen Merkel und Erdoğan wächst einfach kein Vertrauen.

Im Kampf gegen den IS verfolgt man in Europa und in der Türkei zwar noch den gemeinsamen Gegner. Beim Kurdenkonflikt sieht das aber schon ganz anders aus. Das ist aus europäischer Sicht allein Erdoğans Krieg. Er hatte schließlich 2015 nicht den Mut aufgebracht, den Weg des Friedensprozesses bis zum Ende zu gehen. In Ankara und Istanbul sieht man dagegen Bomben hochgehen und Menschen in einem Konflikt sterben, für den sich Europa nicht im Geringsten zuständig fühlt. Andererseits verlangt die EU von der Türkei in diesen Tagen des Terrors, die türkischen Anti-Terror-Gesetze zu beschneiden.

Gefühl der Enttäuschung

Erdoğan versteht es, dieses Gefühl der Enttäuschung für sich einzusetzen. Er kennt es gut. Als er sein Land in den Anfangsjahren seiner Regierungszeit an die EU heranführte, honorierte das in Europa niemand. Merkel bestand damals darauf, die Türkei auf Distanz zu halten. Jetzt, wo sie in der Flüchtlingskrise um die Hilfe der Türkei kämpft, scheint das Land kaum mehr erreichbar zu sein. Alles hat sich in der Türkei verändert. Anfangs hat sich Erdoğan mit Reformen an der Macht gehalten. Heute tut er das mit brutaler Härte. Das Volk hat sich schon gefügt. Es wird noch mehr Leid ertragen müssen. Ein Tröster ist nicht in Sicht.

© SZ vom 08.06.2016/lalse
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