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Türkei:Deniz Yücel ist kein Einzelfall

Aktivisten zeigen die Bilder inhaftierter Journalisten: Şahin Alpay, Ahmet Altan; Musa Kart, Nazlı Ilıcak und Ahmet Şık. Zur besseren Übersicht wurden die übrigen Inhaftierten von SZ herausgefiltert. Dies stellt jedoch keine inhaltliche Abwertung ihrer Fälle dar.

(Foto: Bas Czwerwinski/AFP; Bearbeitung SZ)

Mehr als 150 türkische Journalisten sind seit dem Putschversuch im Juli festgenommen worden. Der Vorwurf lautet fast immer: Terror-Unterstützung.

Von Christiane Schlötzer

Deniz Yücel, 43, soll "Propaganda" für die verbotene militante Kurdenorganisation PKK und auch für die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen geleistet haben. So steht es in einem Gerichtsprotokoll, das der dpa vorliegt. Dem Korrespondenten der Tageszeitung Die Welt wird somit genau der gleichlautende Vorwurf gemacht wie den allermeisten festgenommenen türkischen Journalisten. PKK und Gülen sind allerdings politische Gegner, schon deshalb müssten die Anschuldigungen eigentlich absurd sein.

In einer dreieinhalbstündigen Vernehmung wurden Yücel am Montag mehrere Zeitungsartikel vorgelegt, unter anderem ein Interview mit dem PKK-Anführer Cemil Bayık - ein Mann, den auch viele andere Journalisten schon interviewt haben. Kritisiert wurde auch ein Text, in dem Yücel nach dem Putschversuch vom Juli 2016 schrieb, "dass es keine eindeutigen Beweise" dafür gebe, dass Gülen-Leute den Coup angeführt hätten. Auch dies hatten zahlreiche andere Beobachter so geschrieben.

Yücels Anwalt Ferat Çağıl bemängelte die schlechte Qualität der türkischen Übersetzungen der Texte Yücels. Sie seien so übertragen worden, dass sie gegen den Journalisten verwendet werden könnten. Yücel selbst sagte laut Protokoll: "Die Anschuldigungen des Staatsanwalts zu Terrorpropaganda und Volksverhetzung weise ich zurück." Er habe auch Artikel verfasst, in denen er die PKK kritisiert habe, und er habe in seinen Texten auch verteidigt, dass in der Türkei gegen Putschisten vorgegangen werde.

Yücel besitzt die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft. Er ist der erste Korrespondent einer deutschen Zeitung, der in der Türkei seit dem Juli-Putsch festgenommen wurde und nun in Untersuchungshaft sitzt. Auch mehr als 150 türkische Journalisten sind im Gefängnis. Eine Anklageschrift gibt es bislang nur in den wenigsten Fällen. Die SZ stellt fünf der Inhaftierten vor:

© SZ vom 01.03.2017

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