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Erster Weltkrieg:Ein vorgezogener Jubeltag - um das Gedenken an den Armenier-Genozid zu übertönen

Kein Wunder, dass die Dardanellenschlacht bis heute eine geradezu mystische Bedeutung für die Türkei hat. Der 18. März wird in der Türkei als "Çanakkale-Tag" gefeiert, benannt nach der Provinz, in der die Meerenge liegt. Der 25. April ist Gallipoli-Tag in der Türkei. Eigentlich.

Dieses Jahr ist der Gedenktag allerdings auf den 24. April vorgezogen worden, weil die Geschichte der tapferen Kämpfer, die gerade auch fürs Kino in einem Actionfilm dröhnend in Szene gesetzt wurde, ein anderes, gar nicht ruhmreiches Kapitel des Ersten Weltkrieges übertönen soll: den Völkermord an den Armeniern. Sein Beginn jährt sich an diesem Tag zum 100. Mal.

Überall auf der Welt gedenken Menschen der bis zu 1,5 Millionen Armenier, die bei Massakern und Deportationen umgekommen sind. Die Türkei weigert sich bis heute, die Gräueltaten als Genozid anzuerkennen. So ist eine absurde Schlacht um das Gedenken in der Türkei entbrannt. Gallipoli läuft auf allen Kanälen. Wenn sich Präsident Recep Tayyip Erdoğan aus Brüssel anhören muss, er solle die Verbrechen an den Armeniern anerkennen, lässt er ausrichten, die Kritik gehe zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus.

Es hat wenig Sinn, mit Cihat Gündoğdu darüber zu diskutieren. Für ihn ist der Erste Weltkrieg eine einzige, große Heldentat seiner Familie. Am Çanakkale-Tag durfte er als Kind in der Schule von seinen Gefühlen berichten. "Ich war immer sehr stolz. Das ist keine Last für mich." Im Gegenteil.

Die deutschen Kollegen hielten ihn für einen Spinner

Zurzeit arbeitet er an einem Buch über seinen berühmten Vorfahren, Boğazın Kahramanı soll es heißen, "Held der Meeresenge". "Als Familie fühlen wir uns auch verantwortlich, die Erinnerung wachzuhalten", sagt er.

Sie halten sie aber nicht nur wach. Sie leben darin. Man muss sich nur das Wohnzimmer von Cihat Gündoğdus Großvater Mehmet anschauen, dem Enkel des Nusret-Kapitäns. Ein alter Mann sitzt auf seinem Sofa inmitten eines Privatmuseums.

An der Wand neben dem Ofen hängen Auszeichnungen und ein Gemälde des Nusret-Kapitäns mit geschwungenem Schnauzbart. Ein Modell des Minenlegers steht auf dem Sofatisch. Der Großvater erzählt, wie türkische Generäle bei ihnen ein und ausgingen und er als Kind im Hafen von den Offizieren Sütlaç bekam, einen süßen Nachtisch.

Kapitän Hakkı war im Herbst 1915, nur ein halbes Jahr nach dem legendären Manöver, an seinem Herzleiden gestorben. Er wurde nicht einmal 40 Jahre alt. Atatürk schenkte den Hinterbliebenen später aus Dankbarkeit Land in Gölcük. Die Familie hatte ein Auskommen, leicht hatte sie es deshalb nicht immer. Cihats Großvater kam 1969 als Gastarbeiter nach Deutschland.

Erst arbeitete er bei dem Maschinenbaukonzern MAN in Nürnberg an der Metallpresse, dann ging er des Geldes wegen ins geteilte Berlin zu einer Baufirma. Wenn er seinen Kollegen erzählte, dass sein Großvater ein Kriegsheld war, hielten sie ihn für einen Spinner. Jetzt lebt er wieder in seiner Heldenwelt in einem einfachen Haus in Gölcük.

Schlacht um die Dardanellen 1915

Türkische Linieninfanterie in ihren ersten provisorischen Verteidigungsstellungen nach der Landung der Alliierten auf den Dardanellen. Ein monatelanger und erbitterter Stellungskrieg folgt, der mit einem Sieg der osmanischen Truppen endet.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Heute erinnert man sich nur noch an großen Jahrestagen an Cihats Familie. Zur Premiere des Kinofilms über die Dardanellenschlacht wurden sie eingeladen und durften mit den Schauspielern reden. Cihat träumt davon, zur Marine zu gehen. Für die Kapitänsausbildung waren aber seine Noten nicht gut genug. Da half auch die Herkunft nichts.

Er hat sich dann auf Handelsschiffen ausbilden lassen und kann - je nach Größe des Schiffes - als dritter oder vierter Mann auf der Brücke arbeiten. Man merkt ihm an, dass ihm das nicht genug ist.

Aber er ist ja noch jung. Und seine Geschichte ist noch nicht geschrieben.

© SZ vom 24.04.2015/odg

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