Türkei Blüten auf Chalki

Der griechische Premier Tsipras auf der türkischen Insel Heybeliada.

(Foto: Emrah Gurel/dpa)

Bei einem Besuch des griechischen Premiers Alexis Tsipras demonstrieren beide Seiten Annäherung.

Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Die griechische Fahne flattert im Wind, neben der türkischen, ein Speedboat trägt den griechischen Premier Alexis Tsipras in nur 20 Minuten übers Marmarameer. Fähren brauchen für die Überfahrt von Istanbul zur zweitgrößten Prinzeninsel gut fünfmal so lang. Die türkischen Gastgeber zeigen Tsipras, was sie können, wenn sie wollen: Tsipras ist nicht zum ersten Mal in der Türkei, seit er 2015 Premier wurde, aber er ist der erste amtierende griechische Regierungschef, der die seit 1971 von der türkischen Regierung geschlossene orthodoxe Priesterschule auf Heybeliada besuchen darf. Die Griechen nennen die Insel Chalki, und der Name steht für den Verlust eines kulturellen Symbols. Nach dem Tsipras-Besuch steht Chalki nun wieder für die Hoffnung, dass Präsident Recep Tayyip Erdoğan ein Tabu bricht, wie er das früher so gut konnte. Tsipras sagt am Mittwoch im Empfangssaal des einstigen Priesterseminars, er hoffe, wenn er wiederkomme, werde er "zusammen mit Erdoğan diese Schule wiedereröffnen".

Die Hoffnung nährten die Türken vor allem mit Gesten: So hat Erdoğan überraschend auch Patriarch Bartholomäus I., das Ehrenoberhaupt der Orthodoxen weltweit, mit Sitz in Istanbul, am Dienstagabend zum Abendessen mit Tsipras nach Ankara eingeladen. Am Mittwochmorgen begleitet dann Ibrahim Kalın, Erdoğans engster Berater, Tsipras nicht nur nach Chalki, sondern zuerst auch in die Hagia Sophia, die einst bedeutendste Kathedrale der orthodoxen Christen, die später Moschee wurde, bevor Republikgründer Atatürk sie zum Museum machte.

Als Tsipras dann auf der Insel ankommt, zelebriert Bartholomäus in der Kirche der Schule gerade noch eine Messe. Es gibt ein kurzes Durcheinander, Handys klingeln in Priesterröcken, dann darf sich der Premier neben den Patriarchen stellen, für den Rest des Gottesdienstes. Auch türkische Polizisten, zur Bewachung zahlreich erschienen, zücken jetzt in der Kirche ihre Telefone, um den historischen Moment festzuhalten. Danach pflanzen Tsipras und der Patriarch im Garten einen Baum, auch Kalın greift zur Schaufel - einen Erguvan, auf Deutsch Judasbaum. Der gilt wegen seiner lila Blüten in Istanbul als Frühlingsbote. Bartholomäus sagt danach bei einem Empfang, der Tag sei "hoffentlich nicht mehr weit", an dem auf Chalki wieder Priester ausgebildet werden könnten. Diese werde dann nicht nur ein wichtiger Tag für die Christenheit weltweit sein, sondern auch für das kulturelle Erbe der Türkei. Bartholomäus erinnert daran, dass die Priesterschule 1844 unter der Herrschaft der Osmanen eröffnet, und erst zu Republikzeiten geschlossen wurde.

Tsipras erwähnt die muslimische Minderheit in Griechenland, und die griechische Minderheit in der Türkei. Beide sollten kein Grund für Konflikte, sondern "eine Brücke" sein, sagt er. Auch Erdoğan hat zuvor über die türkische Minderheit in Thrazien gesprochen und Schritte zur Verbesserung ihrer Lage als Bedingung für eine Wiederöffnung der Schule von Chalki verlangt. Schon lange streiten Athen und Ankara darüber, wer die muslimischen Geistlichen dort ernennen darf, die örtliche Gemeinde, oder wie bislang der griechische Staat. Zwischen den beiden Nachbarn spielt die traumatische Vergangenheit bis heute eine Rolle, vor allem die jeweiligen Minderheiten mussten das spüren.

Die Begegnung mit Erdoğan in Ankara nennt Tsipras ein "effektives und ehrliches Treffen". Man müsse den "Teufelskreis der Krisen" durchbrechen, sagt er. Das Gespräch dauerte länger als geplant, und Kontroverses wurde offenbar nicht ausgespart. Die Türkei fordert die Auslieferung von acht türkischen Soldaten, die nach dem Putschversuch in Griechenland Asyl beantragten. Tsipras berief sich auf Entscheidungen der Gerichte, die dies bisher verhinderten. Auch bei der Ausbeutung von Bodenschätzen in der Ägäis ist man sich nicht einig.

Auf Chalki wurden nach der Messe Süßigkeiten gereicht, auch die Griechen verstehen sich auf freundliche Gesten.