Türkei:Merkel muss dem Autokraten Erdoğan die Hand reichen

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Die Kanzlerin gibt dem türkischen Präsidenten einen Grundkurs in Staatsbürgerkunde. Dennoch wirkt sie mit ihrem Besuch auch der Legende entgegen, dass die Türkei im Westen keine Freunde mehr hat.

Kommentar von Christiane Schlötzer

Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan sieht seine Türkei von vielen Feinden bedroht, inneren wie äußeren. Er glaubt, so sagt er zumindest, der Putschversuch vom vergangenen Juli sollte die "Besetzung" der Türkei durch fremde Mächte vorbereiten. Man mag das für seltsam halten, aber Besatzung und Teilung sind seit dem Untergang des Osmanischen Reiches vor fast 100 Jahren ein türkisches Trauma. Der Feind stand damals im Westen - und da steht er für Erdoğan nun wieder.

Am Donnerstag war nun die wichtigste Repräsentantin des Westens zu Gast bei Erdoğan, der im Moment dabei ist, demokratische Grundwerte wie Gewaltenteilung, Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit auf den Haufen der türkischen Geschichte zu werfen. Da stellt sich die schlichte Frage: Soll Merkel einem Autokraten noch die Hand reichen?

Sie musste es tun. Und zwar nicht nur, weil sie im September wieder Kanzlerin werden will und deshalb in diesem Sommer keine zweite Flüchtlingskrise brauchen kann - der Flüchtlingspakt muss also halten. Auch dass Mercedes-Benz in der Türkei produziert, und deutsche Soldaten auf der Luftwaffenbasis İncirlik nahe der türkisch-syrischen Grenze Dienst tun, ist sicher bedeutend. Weit wichtiger aber ist die Botschaft, die Merkel den Türken mitgebracht hat. Und das konnte man dann live am Bildschirm verfolgen.

Merkel musste zu Erdoğan reisen, das macht vielen Türken Mut

Merkel sprach nicht in Rätseln, wie sie das sonst oft tut, sie redete geradeaus. Und Erdoğan musste zuhören, auch als Merkel die Bedeutung der Opposition für jede Demokratie pries, als sie Meinungsfreiheit und die Sicherung "gesellschaftlicher Vielfalt" einforderte. Wer diesen kurzen Grundkurs in Staatsbürgerkunde vor laufenden Kameras miterlebt hat, kann sich in etwa vorstellen, warum das Gespräch mit Erdoğan hinter verschlossenen Türen gut doppelt so lange gedauert hat, wie es im Protokoll vorgesehen war.

Türkische Oppositionelle haben auf solche Worte gewartet, sie fürchten schon seit Langem, sie könnten von Europa vergessen werden, wenn sich der Blick immer nur auf Erdoğan richtet. Es gibt in der Türkei immer noch mutige Verteidiger der Menschenrechte, Anwälte, die inhaftierte Journalisten und vom Volk gewählte, aber weggesperrte Abgeordnete unterstützen. Sie brauchen das Gefühl, dass man sich in Europa noch für ihr Schicksal interessiert.

Besuche europäischer Politiker in Ankara - und es gab zuletzt zu wenige - sind aber auch deshalb unverzichtbar, weil sie eben jener Legende entgegenwirken, die Erdoğan so gern verbreitet: Dass die Türkei im Westen keine Freunde mehr hat und deshalb neue Allianzen braucht. Ankara muss da nicht lange suchen, Russland hat sich schon als strategischer Partner angeboten. Aber selbst Erdoğan dürfte klar sein, dass er sein Land nur um den Preis des völligen wirtschaftlichen Niedergangs aus der Westbindung lösen kann. Und der Westen muss klarstellen, dass er genau das nicht will. Auch deshalb war es gut, dass Merkel jetzt mal wieder da war.

© SZ vom 03.02.2017 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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