Tschetschenien:Prominenter Kadyrow-Gegner verschwunden

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Tschetschenien: Berüchtigt und Wladimir Putin treu ergeben: Ramsan Kadyrow, Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien, 2019 mit Russlands Staatschef.

Berüchtigt und Wladimir Putin treu ergeben: Ramsan Kadyrow, Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien, 2019 mit Russlands Staatschef.

(Foto: Alexei Nikolsky/imago)

Der Blogger Tumso Abdurachmanow ist einer der lautesten Kritiker des tschetschenischen Regimes. Seit Tagen gibt es kein Lebenszeichen von ihm. Nun gibt es Berichte, er sei in Schweden erschossen worden. Es wäre nicht der erste Angriff auf sein Leben.

Von Alex Rühle, Stockholm

Der tschetschenische Dissident Tumso Abdurachmanow, der in Schweden lebt und als scharfer Kritiker des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow gilt, ist Berichten zufolge verschwunden. Die tschetschenische Menschenrechtsorganisation Vayfond, die ebenfalls in Schweden ansässig ist, schrieb am Samstag, den 3. Dezember, man habe seit zwei Tagen keinen Kontakt mehr zu Abdurachmanow.

Die tschetschenische Nachrichtenseite "1ADAR" schreibt unter Berufung auf ihr "Netzwerk von Informanten" in Europa und Tschetschenien, Abdurachmanow sei in der Nacht zum Samstag erschossen worden. Die schwedischen Tageszeitungen Dagens Nyheter und Aftonbladet schrieben zunächst nur, Abdurachmanow, der 2015 aus Tschetschenien geflohen ist und seit 2021 Asyl in Schweden genießt, sei verschwunden. Die schwedische Sicherheitspolizei gibt bislang keine Auskünfte.

Tumso Abdurachmanow ist der vielleicht prominenteste Exiloppositionelle der russischen Teilrepublik Tschetschenien, er hat auf seinen Youtube- und Telegramkanälen jeweils rund 500 000 Abonnenten. In seinen Videos, die er unter dem Namen "Abu Saddam Shishani" veröffentlicht, wirft er Ramsan Kadyrow schwere Menschenrechtsverletzungen wie Entführungen, Folter und außergerichtliche Tötungen vor und bezeichnet Kadyrow immer wieder als "Verräter" am tschetschenischen Volk.

Auch sein Bruder sollte wohl umgebracht werden - in München läuft der Prozess

Im März 2019 hatte der tschetschenische Parlamentssprecher Magomed Daudow zur "Blutrache" an Tumso Abdurachmanow aufgerufen. 2020 wurde Abdurachmanow dann nachts von einem Einbrecher mit einem Hammer schwer verletzt, nachdem er zuvor monatelang ausgekundschaftet worden war. Abdurachmanow konnte den Täter überwältigen und die Polizei rufen. Dem Attentäter und seiner Komplizin wurden im Prozess Verbindungen nach Moskau und zu den tschetschenischen Sicherheitsdiensten nachgewiesen. Der Täter wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt und sollte aus Schweden abgeschoben werden.

Im Dezember 2021 wurden mehrere Angehörige Abdurachmanows in Tschetschenien verschleppt. Im Sommer diesen Jahres begann in München ein Prozess gegen einen Russen, der beschuldigt wird, ein Attentat auf Tumsos Bruder Mochmad geplant zu haben. Laut Anklageschrift sei es das Ziel gewesen, nach dem fehlgeschlagenen Mordversuch an Tumso selbst diesen "durch die Tötung seines Bruders zum Schweigen zu bringen". Auftraggeber soll in diesem Fall ein Cousin von Ramsan Kadyrow gewesen sein.

In den vergangenen Jahren wurden mehrere tschetschenische Oppositionelle im europäischen Ausland umgebracht. In Deutschland traf es Selimchan Changoschwili, einen Georgier, der der dortigen tschetschenischen Minderheit angehörte und der im August 2019 im Berliner Tiergarten erschossen wurde.

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