Tschetschenien Geschichten von Drogen

Dieser vierfache Familienvater soll Marihuana in seinem Auto versteckt haben: Ojub Titijew vor Gericht in Tschetschenien.

(Foto: Musa Sadulayev/AP)

Der Menschenrechtsaktivist Ojub Titijew soll Marihuana versteckt haben. Der Prozess gegen ihn war voller Ungereimtheiten.

Von Silke Bigalke, Moskau

Niemand, nicht mal die Verteidiger, hatte mit einem Freispruch gerechnet. Dabei glaubte gleichzeitig wohl niemand, vielleicht nicht mal die Richterin selbst, an die Schuld des Verurteilten. Trotzdem schickte sie Ojub Titijew nun für vier Jahre ins Gefängnis, weil die Polizei Marihuana in seinem Auto gefunden hatte. Weil die Polizei es dort selbst platziert hat, sagt der Angeklagte. Der Prozess im tschetschenischen Schali hatte sich über Monate gezogen, mehr als neun Stunden lang dauerte am Montag die Urteilsbegründung. Trotz aller Ungereimtheiten in diesem Fall muss Ojub Titijew ins Straflager.

Bis zu seiner Festnahme leitete der 61-Jährige das Büro der Menschenrechtsorganisation Memorial - in einer Region, in der die politische Führung Menschenrechtsaktivisten mit unverhohlenem Hass begegnet. Seine Vorgängerin, Natalja Estemirowa, wurde 2009 aus Grosny verschleppt und erschossen. Man fand ihre Leiche in der Nachbarrepublik Inguschetien, die Tat wurde nie ganz aufgeklärt. In Russland setzt sich Memorial für das Gedenken an die Opfer von Gewaltherrschaft ein und kämpft gegen Unterdrückung.

In der russischen Republik Tschetschenien übernahm Ojub Titijew ein Jahr nach dem Mord an Estemirowa die Leitung des regionalen Büros. Er hat versucht, mit seiner Arbeit möglichst wenig Aufsehen zu erregen, doch der Prozess hat dies nun ins Gegenteil verkehrt. Um ihn zu unterstützen, kamen Politiker, Diplomaten und Menschenrechtler aus Europa in den Gerichtsraum in Schali. Während der Untersuchungshaft bekam Titijew mehrere Preise verliehen. Tatsächlich könnte ihn seine Bekanntheit nun schützen, sagte sein Anwalt Ilja Nowikow vergangene Woche dem Sender Doschd, auf einen Freispruch aber hoffe man vergeblich.

Machthaber Kadyrow hatte gedroht, Menschenrechtlern "das Rückgrat zu brechen"

Ojub Titijew hatte sich zuletzt mit dem Schicksal von 27 Häftlingen befasst, die 2017 ohne Gerichtsverfahren hingerichtet worden waren. Menschenrechtsorganisationen sind Ramsan Kadyrow, Tschetscheniens Oberhaupt, ein besonderer Dorn im Auge. Ende 2017 wurde Kadyrow in den USA wegen Menschenrechtsverletzungen und Folter auf eine Sanktionsliste gesetzt, was Einreiseverbot und Kontosperre bedeutete. Zudem wurden seine Facebook- und Instagram-Konten blockiert, über die ihm mehrere Millionen Menschen folgten. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er den Hilfsorganisationen die Schuld an diesen Unannehmlichkeiten gab. Vergangenen Sommer kündigte er an, Menschenrechtler nach dem Gerichtsverfahren gegen Titijew nicht mehr ins Land zu lassen; Tschetschenien würde für sie dann zum "verbotenen Gebiet".

Später drohte er, ihnen "das Rückgrat zu brechen". Nach dem Mord an Natalja Estemirowa verließ eine Organisation nach der anderen das Land. Um die Gefahr für einzelne Mitarbeiter zu verringern, tun sie sich manchmal in mobilen Gruppen zusammen, ein Beispiel ist die "Joint Mobile Group" des Komitees gegen Folter. Ende 2014 wurde das Büro des Komitee in Grosny angezündet. 2016 wurde ein Bus mit Journalisten und Aktivisten, die auf Einladung der Organisation ins Land gekommen waren, überfallen und abgefackelt, offenkundig mit dem Ziel der Abschreckung: Wer wird noch Hilfe bei Menschenrechtsgruppen suchen, die nicht einmal ihre eigenen Mitarbeiter schützen können?

Als die Polizei Ojub Titijew vor mehr als 14 Monaten verhaftete, schrieb die russische Journalistin Elena Milaschina einen Artikel mit dem Titel "Danke für sein Leben" in der Nowaja Gaseta. Sie ist mit Titijew befreundet und findet den Vorwurf, dass dieser Mann Marihuana rauchen könnte, "lächerlich". Titijew ist gläubiger Muslim, auch im Gericht hat er häufig die Gebetsmütze auf dem Kopf. Er raucht nicht, trinkt nicht, geht Joggen und in den Boxring. Früher war der Vater von vier Kindern Lehrer. Vor Gericht spricht er viel über seinen Glauben und über Ehre.

Es gibt viele Ungereimtheiten in dem Fall. So ist Ojub Titijew an jenem 9. Januar nach eigener Aussage zwei Mal von der Polizei angehalten worden. Das erste Mal nahm sie ihn fest, durchsuchte den Wagen, fand angeblich die Drogen. Die Beamten verhörten ihn und drohten, seiner Familie zu schaden, sollte er nicht gestehen. Doch weil er das nicht tat, und weil die Polizei offenbar keine Zeugen für den Drogenfund hatten, ließen sie ihn wieder laufen, um ihn kurz darauf erneut anzuhalten. Diesmal sorgten sie für Zeugen. Offiziell hat es nur diese eine Begegnung gegeben. Die etwa 15 Videokameras, die das Gegenteil beweisen könnten, funktionieren ausgerechnet an diesem Tag nicht.

Die Drogen-Geschichte sollte den Menschenrechtler als unehrlich und unehrenhaft dastehen lassen. Doch die Dorfältesten stellten sich auf seine Seite, bürgten für ihn als guten Muslim. Titijew wandte sich bei seinem Schlusswort vergangene Woche an diejenigen, die ihn falsch beschuldigte hatten. Es gebe zwei Gründe dafür, warum die Menschen lügen: "Profit oder Angst. Beides ist erniedrigend." Er mache sich keine Illusionen über einen Freispruch. Doch Allah habe ihm befohlen, Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, sagte Titijew, und das werde er bis zum Ende tun, "bis die Unschuld voll erkannt wird".