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Tschechien:Streit um einen Helden

FILE PHOTO: A worker covers the statue of Soviet World War II commander Ivan Stepanovic Konev after removal from its platform in Prague

Fast 40 Jahre stand die Statue von Marschall Konew in Prag. Nun liegt sie im Depot und soll dereinst in einem Museum ausgestellt werden.

(Foto: David W. Cerny/Reuters)

Prag entfernt die Statue des sowjetischen Marschalls Konew, Moskau ist empört. Seine Rolle bei der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 ist umstritten.

Von Viktoria Großmann

Am 3. April wurde Marschall Konew vom Sockel geholt. Seit 1980 hatte die Statue des sowjetischen Helden auf dem Platz der Interbrigaden im sechsten Prager Bezirk gestanden. In einer gepflegten Grünanlage. Nun ist sie weg, und die Russen sind erzürnt.

Iwan Stepanowitsch Konew hatte 1945 die Truppen angeführt, die unter anderem das Konzentrationslager Auschwitz und auch Prag befreit hatten. Umstritten ist seine Rolle bei der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968. Nach Ansicht einiger Historiker war er daran beteiligt. Andere sagen, er sei zu der Zeit bereits in Rente gewesen. Tatsächlich war Konew im August 1968 bereits 70 Jahre alt; er starb 1973.

Als sicher gilt, dass er Truppen bei der gewaltsamen Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes 1956 befehligte. In Tschechien entschied man: Der Mann und seine Statue sind ein Fall fürs Museum, nicht für einen öffentlichen Platz. Bilder des Abtransports kommentierte der zuständige Bürgermeister im Prager Stadtteil Bubeneč auf Facebook mit den Worten: "Er trug keinen Mundschutz." Diese sind während der Corona-Krise in Tschechien für alle Pflicht.

Nun steht Bürgermeister Ondřej Kolář unter Polizeischutz. Und mit ihm ein weiterer Stadtteilbürgermeister sowie der Oberbürgermeister Zdeněk Hřib. Aus der ursprünglichen lokalen Debatte droht eine ernsthafte diplomatische Krise zu werden.

Aus russischer Sicht ist die Demontage der Statue nicht nur ein Affront, sondern ein Verbrechen. Der tschechische öffentlich-rechtliche Rundfunk berichtete, die russischen Behörden hätten eine Strafverfolgung aufgenommen. Die Russen werfen den Tschechen vor, den Freundschaftsvertrag der beiden Länder von 1993 zu verletzten. Zudem verstoße Tschechien gegen ein neues russisches Gesetz, das Beschädigungen an Kriegsgräbern und -denkmälern auch im Ausland unter Strafe stellt.

Dabei hatte Bürgermeister Kolář den Russen die Statue früher sogar angeboten, damit sie dafür einen Platz auf dem Gelände ihrer Botschaft in Prag finden. Das Denkmal war in den vergangenen Jahren immer wieder mit Parolen bekritzelt und mit Farbe übergossen worden. Jedes Mal wurde es gereinigt. Als Kolář ankündigte, die Statue zu entfernen, erhielt er Morddrohungen. Schon damals hatte er vorübergehend Polizeischutz.

Präsident Zeman und Tschechiens Kommunisten waren gegen den Abbau der Statue

Kolář hatte sich jedoch auch immer wieder kritisch über die russische Regierung geäußert, ebenso wie Oberbürgermeister Hřib. Erst Ende Februar hatte Hřib den Platz vor der russischen Botschaft nach dem Kreml-Kritiker Boris Nemzow benennen lassen - Prag war nicht die erste Stadt, die das tat. Nur scheinen die Russen hier empfindlicher zu reagieren.

Die Diplomaten wollen ihre Adresse ändern lassen. Und als Vergeltung für die demontierte Statue fordern einige Moskauer Bürger in einer Petition, dass die nach Prag benannte Metrostation in der russischen Hauptstadt umbenannt werden solle in Marschall-Konew-Station. Die Gruppierung Anderes Russland protestierte mit "Stop-Faschismus"-Schildern vor der tschechischen Botschaft in Moskau, Rauchbomben sollen in den Garten geflogen sein. Auch vor dem tschechischen Konsulat in St. Petersburg gab es Proteste.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow soll sogar gedroht haben: "Das Vorgehen dieses Prager Amts kann man schwerlich als etwas anderes als zynisch und empörend bezeichnen. Wir hoffen, dass sich die tschechische Seite des Risikos einer weiteren Verschärfung dieser Situation bewusst ist", wird Lawrow im tschechischen Magazin Respekt zitiert.

Auch innerhalb Tschechiens wird heftig diskutiert: Der tschechische Präsident Miloš Zeman hatte sich deutlich gegen die Entfernung der Statue ausgesprochen. Er ist bekannt für seine Bemühungen um enge Beziehungen sowohl zu Russland als auch zu China. Auch die tschechische kommunistische Partei hatte protestiert.

Moskau fordert nun die Auslieferung der Bronzestatue. Diese liegt in einem Depot. Sie soll einen Platz im Museum für die Geschichte des 20. Jahrhunderts erhalten - das allerdings erst noch gebaut werden muss.

© SZ vom 23.04.2020

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