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Tschechien und Russland:Eine Spur führt nach Bulgarien

Konflikt zwischen Tschechien und Russland

Wegen der mutmaßlichen russischen Verwicklungen in die Explosionen hatte Tschechien 18 russische Diplomaten ausgewiesen - am 19. April stiegen sie in Prag in den Flieger.

(Foto: MICHAL CIZEK/AFP)

Im Konflikt um den mutmaßlichen russischen Anschlag in einem tschechischen Munitionsdepot werden immer weitere Details bekannt. Mittel- und osteuropäische Staaten bekunden ihre Solidarität mit Prag.

Von Cathrin Kahlweit, Wien

Neue Informationen zu Anschlägen auf ein tschechisches Munitionsdepot nahe Vrbětice im Oktober und Dezember 2014 hatten in den vergangenen Tagen politische und diplomatische Verwerfungen ausgelöst. Nun zieht der Fall weitere Kreise in Mittelosteuropa. Mitte April hatte der tschechische Premier Andrej Babiš erklärt, es lägen eindeutige Beweise dafür vor, dass die Anschläge von Agenten des russischen Geheimdienstes GRU begangen worden seien. Im Oktober 2014 waren dabei zwei Menschen ums Leben gekommen. Die Agenten hätten im Auftrag Moskaus Munitionskisten mit Sprengstoff präpariert, so Babiš. Offenbar stecke die GRU-Einheit 29155 hinter den Aktivitäten.

Die Munition soll dem bulgarischen Waffenhändler Emilian Gebrew gehört haben und für die Ukraine bestimmt gewesen sein. Tschechien wies in den vergangenen Tagen als Zeichen des Protests 18 russische Diplomaten aus, die Babiš als Geheimagenten bezeichnete; Moskau reagierte seinerseits mit der Ausweisung von 20 tschechischen Botschaftsmitarbeitern. Der neue tschechische Außenminister Jakub Kulhánek stellte Russland daraufhin wiederum am Mittwochabend ein Ultimatum. Er forderte den Kreml auf, bis Donnerstagmittag, zwölf Uhr, die Rückkehr aller 20 ausgewiesenen tschechischen Diplomaten in die Moskauer Botschaft zu ermöglichen. Andernfalls werde die Zahl der in Prag akkreditierten russischen Diplomaten auf das gleiche Maß reduziert. Praktisch würde das die Ausweisung von mehr als 20 weiteren Russen bedeuten. Tschechien spricht von "Staatsterrorismus", Moskau dementiert jede Beteiligung.

Allerdings gibt es zahlreiche Indizien dafür, dass der GRU die Aktion durchführen ließ. So sollen zwei der Tatverdächtigen just jene mittlerweile namentlich bekannten Agenten Anatolij Tschepiga und Alexander Mischkin gewesen sein, die 2018 im britischen Salisbury mit dem Nervengift Nowitschok einen Anschlag auf den früheren russischen Spion Sergej Skripal und seine Tochter verübt haben dürften. Ein weiterer Beteiligter an dem Anschlag in Großbritannien, der "dritte Mann", soll auch in Tschechien im Einsatz gewesen sein.

Zudem war bereits 2015 auf den bulgarischen Waffenhändler, dem das Kriegsmaterial in Vrbětice gehört haben könnte, ein Attentat mit eben diesem Nervengift, mit Nowitschok, verübt worden. Bei den Skripals hatte es sich an der Türklinke des Hauses befunden, im Falle des Bulgaren am Griff seines Autos. Die Hintermänner des Nowitschok-Anschlags in Bulgarien sind offiziell nie gefunden worden.

Solidaritätsbekundungen mit Tschechien - unterschiedlich akzentuiert

Seit Tschechien seinen begründeten Verdacht Ende vergangener Woche öffentlich machte, werden immer mehr Details bekannt, wie der Anschlag abgelaufen sein könnte. Laut der Recherchewebseite Bellingcat, die seit Jahren Informationen über russische Geheimdienstaktivitäten zusammenträgt und mit The Insider, Respect.ch und dem Spiegel kooperierte, sollen sich die beiden GRU-Agenten Tschepiga und Mischkin kurz vor der Explosion im Oktober in Tschechien aufgehalten haben und danach via Wien nach Moskau zurückgeflogen sein. Chef ihres Kommandos war laut Bellingcat General Andrej Awerjanow, der, wie Flugdaten belegten, über Wien Richtung Tschechien gereist war.

Österreichs Außenminister Alexander Schallenberg sicherte Tschechien die "Solidarität" seines Landes zu und betonte, dass die EU in dieser Frage gemeinsam vorgehen werde. In Ungarn, das als Teil der Visegrád-Staaten Partner Tschechiens ist, andererseits politisch immer wieder die Nähe zu Moskau sucht, war es Außenminister Péter Szijjártó, der sich so vage wie möglich aus der Affäre zog: Er erklärte seine Solidarität "mit der Tschechischen Republik wegen ihres diplomatischen Konflikts mit Russland". Die offizielle Visegrád-Erklärung kam dann aber von den russlandkritischen Polen.

Große Empörung über Moskau herrscht in Bulgarien, wo erst im März nach zahlreichen Razzien sechs Menschen wegen des Vorwurfs der Spionage für Moskau festgenommen worden waren. Allein in den vergangenen zwei Jahren wurden dreimal russische Staatsbürger aus Bulgarien ausgewiesen, die für Moskau spioniert haben sollen.

© SZ/gal
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