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Corona-Krise in Tschechien:"Bis Ende Mai sind wir alle infiziert oder geimpft"

Coronavirus - Tschechien

Polizeikontrolle im Dorf Kosov bei České Budějovice (Budweis) in Tschechien. Die Regierung hat die Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt.

(Foto: dpa)

Mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 800 ist Tschechien eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder weltweit. Mathematiker René Levínský aus Prag über die Gründe und die Lehren für Deutschland.

Interview von Viktoria Großmann

Seit Beginn der Pandemie erfasst der Ökonom und Mathematiker René Levínský das Infektionsgeschehen in Tschechien in Daten und Statistiken. Mit einem Team von Wissenschaftlern in Prag stellt er Berechnungen an und berät die Politik. Seine Prognosen erfüllten sich oft, seine Warnungen wurden selten gehört. Ein Gespräch über Corona-Müdigkeit, menschliche Politiker und das Erbe des Kommunismus.

SZ: Tschechien hat mit Beginn des Monats einen noch strengeren Lockdown verhängt. Bringt das nun die Wende?

René Levínský: Niemand kontrolliert etwas, aber die Leute müssen eben jetzt in ihren Landkreisen bleiben und wir Prager in unserer Stadt. Vor der Pandemie hatten die Menschen im Schnitt täglich 22 Kontakte, vor einem Jahr zu Beginn der Krise reduzierten sie diese auf sieben. Jetzt sind es ungefähr zwölf.

Dann halten sich die Leute doch an ein paar Regeln.

Ja, es wäre gar nicht so schlecht. Aber B. 1. 1. 7, die britische Mutante, hat alles durcheinandergebracht. Die Leute stecken sich schneller an, als sie geimpft werden. 20 bis 25 Prozent der Menschen sind schon immun, weil die Zahl der Infizierten so groß ist. Zwei Länder haben den Kampf gegen die Mutante gewonnen, Portugal und Großbritannien. Und das hat mit der gesunkenen Mobilität und mehr Home-Office zu tun.

In Tschechien gibt es viele Arbeitsplätze in der Industrie, Tätigkeiten, die man nicht zu Hause erledigen kann.

Als die Regierung das Corona-Warnstufen-System PES entwarf, haben wir Wissenschaftler gesagt, zu den Maßnahmen in der höchsten Warnstufe müssen Corona-Tests in Unternehmen gehören. Aber die Wirtschaftsbosse waren dagegen. Es wurde also eine Arbeitsgruppe gegründet. Das ist typisch tschechisch, wenn es ein Problem gibt, wird eine Arbeitsgruppe gebildet, und es kommt nichts dabei heraus. Einfach nie. Und nun, vier Monate später, führen sie die Tests ein.

Rene Levinsky

René Levínský, 50, forschte und lehrte viele Jahre in Freiburg und Jena. Seit 2017 arbeitet er am Institut für Wirtschaftsforschung CERGE-EI in Prag. Außerdem schreibt er Theaterstücke.

(Foto: Archiv A studia Rubín/oh)

Besser spät als nie?

Ja, jetzt testen sie, und dann wird es die große Überraschung geben, wenn ihnen aufgeht, dass es nicht genügend Leute gibt, welche die Kontakte nachverfolgen können.

Auch in anderen Ländern haben die Bürger den Eindruck, dass ihre Politiker keinen Plan haben.

Unsere tschechischen Politiker sind wie Eichhörnchen. Sie hüpfen hektisch herum, lösen die Probleme von gestern oder heute, aber planen nicht für die Zukunft. Ich habe im November gesagt: Wir müssen jetzt überlegen, wo stehen wir im Mai?

Es gibt auch in Deutschland viel Kritik, weil die Perspektive fehlt.

Viele Sachen in Deutschland sind sehr gut gelungen, wir haben viel mit Deutschland argumentiert. Ich habe viele deutsche Pressekonferenzen gesehen, die sind so menschlich. Und unsere inkompetente Regierung in Tschechien ist so ängstlich und einfach nicht fähig, Entscheidungen zu treffen. Es ist nicht fair für viele Leute. Die Kosten tragen Kellner und Kinder.

Tschechien ist seit Anfang Oktober in einem Lockdown, wie Deutschland ihn seit Mitte Dezember hat, und auch Premier Andrej Babiš sagt den Menschen, nehmt es ernst, schützt eure Großeltern. Er kauft zusätzliche Impfstoffe ein.

Ja, aber Frau Merkel sagt, wir müssen Menschenleben retten, Babiš sagt, wir müssen die Krankenhäuser vor Überlastung schützen. Dieses System ist total bescheuert. Frau Merkel spricht über Leute, die sterben. Unsere Politiker sprechen über technische Probleme in Krankenhäusern.

Es sind bereits fast 22 000 Menschen gestorben. Haben die Menschen keine Angst vor dem Virus?

Es sterben wirklich viele Leute. Ich kenne viele, die Covid-19 hatten oder sogar gestorben sind. Ein Schulkamerad von mir, mit 50. Aber viele machen Augen und Ohren zu. Wir sagen auf Tschechisch: Was das Auge nicht sieht, tut dem Herzen nicht weh. Andere werden gleichgültig, sagen, ja, das Leben hat eben seine Risiken. Das ist für mich schwer zu verstehen. Aber das Problem hier ist, dass wir keinen Sozialstaat haben. Ohne Sozialstaat kann man so eine Situation nicht überstehen. Außerdem fehlen uns starke Institutionen.

Wie das Robert-Koch-Institut?

Ja. Das fehlt uns. Das ist auch ein Grund, warum wir es nicht geschafft haben, der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass es über diese Pandemie einen wissenschaftlichen Konsens gibt. Und die Medien sind auch nicht gerade hilfreich. Zu jeder Meinung wird eine Gegenmeinung angefragt, egal wie faktisch gut oder schlecht begründet sie ist. Und am Ende entsteht der Eindruck, dass eigentlich niemand wirklich weiß, was richtig ist.

Im März 2020 gab es einen Konsens, alles war zu, auch die Betriebe. Tschechien hat als erstes EU-Land die Maskenpflicht eingeführt. Die Leute haben füreinander genäht.

Ja, und danach haben die Wirtschaftsbosse gesagt, es ist ja keiner gestorben, also ist alles nicht so schlimm. Als wäre, was in Italien passiert ist, nicht relevant für uns.

Vertrauen die Leute der Regierung?

Vertrauen darf man in Tschechien nicht laut sagen, da halten einen doch alle für bescheuert. Jeder kämpft für seine eigenen Interessen, die Industrie, die Kneipen ... die Wissenschaftler verteidigen sich nur. Es gibt kein Vertrauen, es gibt keine Solidarität.

Hatte Tschechien vielleicht auch einfach Pech?

(Lacht) Nein. Es gibt historische Gründe für unser Verhalten, und das ist auch der Neoliberalismus der Neunzigerjahre, der als Antwort auf den Kommunismus kam. Nur, danach kam nichts Neues mehr. Es gibt Ähnlichkeiten zwischen Tschechien und Gegenden in Mecklenburg oder im Vogtland. Und es gibt Prag. Prag kommt mit verhältnismäßig niedrigen Zahlen durch die Pandemie. Das ist eigentlich widersinnig, weil hier die Bevölkerungsdichte am höchsten ist. Aber die Leute denken europäisch. Oder mindestens so europäisch wie in Dresden oder Leipzig. Wir müssen in unserer Gesellschaft etwas ändern, das funktioniert so einfach nicht. Wir sind zu egoistisch und ausschließend.

Im Oktober sind Wahlen, vielleicht ändert sich dann etwas.

Es ist eine gefährliche Situation. Viele Leute sind wirklich am Ende. Meine Angst ist, dass diese Situation das politische Milieu so verändert, dass irgendein Psychopath an die Macht kommt.

Wie lange soll das jetzt noch so gehen? Ist die Spitze erreicht? Wie lange sollen die Zahlen noch steigen?

Ende Mai sind wir aus dem Schneider. Bis dahin sind alle infiziert oder geimpft. Es tut mir leid, es ist so. Und das ist die Politik, das ist die Strategie unserer Regierung, die nicht laut ausgesprochen wird. Es ist sehr traurig. Am Ende sind vielleicht 50 000 Menschen gestorben. Völlig unnötig. Denn der Weg war gar nicht so weit, die Impfstoffe kamen schnell.

Auch in Deutschland steigen die Infektionszahlen wieder an, trotzdem wurden ein paar Lockerungen beschlossen. Kann Deutschland von Tschechien lernen?

Man sollte nie die Werte, die Tschechien hat, erreichen. Dann gibt es keinen Weg zurück.

© SZ/nien
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