Trumps Vordenker Wer Amerika nach rechts rückte

Ein Truck im Sinne der Republikaner gestaltet: Der Kopf des derzeitigen US-Präsidenten Donald Trump neben anderen Symbolen der Vereinigten Staaten.

(Foto: Bloomberg)

Der heutige "Trumpismus" ist nicht vom Himmel gefallen. Die Köpfe, die den US-Konservatismus zu dem machten, was er heute ist.

Von Johannes Kuhn

Amerikas politische Rechte ist ein Zombie. Bevor Missverständnisse auftauchen: Dies darf als Kompliment verstanden werden. Denn dafür, dass die Republikaner immer wieder politisch totgesagt oder ihnen zumindest die endgültige Spaltung prophezeit wurde, stehen sie erstaunlich gut da. Man kann sogar sagen, dass sie so mächtig wie seit Jahrzehnten nicht sind. Und das mit einer Ausrichtung, die den Berufspolitikern der Partei vor etwas mehr als einem Jahr noch Gruselschauer über den Rücken jagte.

Doch das, was heute "Trumpismus" genannt wird, ist natürlich nicht vom Himmel gefallen. Extremformen von Freier-Markt-Verliebtheit und reaktionärer Gesellschaftsvision waren schon immer Teile des amerikanischen Konservatismus. Der Schwenk hin zu einer Dominanz des Nativismus, der internationalen Abschottung und dem mythischen Ideal von Amerika als Ort unkomplizierter Lebensformen vollzog sich nicht über Nacht, sondern über 50 Jahre.

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Er begann mit einem Bestseller. "Gewissen eines Konservativen" heißt das Buch von Barry Goldwater, einem Senator aus Arizona. Der titelgebende Konservative gilt im Erscheinungsjahr 1960 als aussterbende Spezies. "In unserer Sorge, die Welt zu 'verbessern' und 'Fortschritt' zu sichern, haben wir unsere Schulen zu Labors für soziale und wirtschaftliche Veränderungen gemacht", heißt es dort. Es ist eine fundamentale Kritik am Wesen des "New Deal", dem in den 1930ern verabschiedeten Paket des demokratischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, in dem der Staat mit Konjunkturprogrammen die Wirtschaft stützt und Sozialprogramme einführt. Auch die Republikaner, die sich zu diesem Zeitpunkt sogar einen liberalen Ostküsten-Flügel leisten, tragen diese Politik mit: zu groß ist die Angst, dass der ökonomische Ruin der Massen den Totalitarismus heraufbeschwört.

"Freiheit" heißt nun Goldwaters radikaler Gegen-Slogan, und er wird gelesen. Das Buch verkauft sich beachtliche 3,5 Millionen Mal und liegt später unter anderem auf den Nachttischen von Ronald Reagan, George W. Bush und Ted Cruz. Freiheit, das ist für Goldwater Selbstverwirklichung durch freies Geschäft, freien Markt und einen möglichst kleinen Staatsapparat. Die "Young Americans For Freedom" beginnen, die neue Form des Konservatismus an Unis wie ein Evangelium zu verkünden - es ist die andere Geschichte der Sechziger, weit weg vom Freiheitsbegriff der Hippies und späteren Baby Boomer.

In Goldwaters Umfeld tummeln sich Figuren wie Lemuel Boulware. Der ehemalige Manager des Großkonzerns General Electric (GE) war von 1947 bis 1961 für Tarifverhandlungen zuständig und für eine harte Linie gegenüber den Gewerkschaften bekannt. Die gelten für Amerikas Groß-Industrien spätestens seit den 1930ern als die größte Gefahr für die eigenen Profite.

Boulware ist nicht nur ein Gegner der Gewerkschaften, sondern auch einer der frühen PR-Experten der USA: Er versuchte, die GE-Mitarbeiter durch "Schulungen" zur Loyalität gegenüber der Firma, nicht der Gewerkschaften, zu ermutigen. 1953 engagierte er dafür den Schauspieler Ronald Reagan. Der moderiert nicht nur die gesponserte TV- und Radio-Sendung "General Electric Theater", sondern reiste auch von Fabrik zu Fabrik, um die Fortschrittsbotschaft des Konzerns zu verbreiten. Boulware wird großer Anteil daran zugeschrieben, dass der progressive Kalifornier Reagan in diesen Jahren zum Konservativen wird.

"Ich erinnere euch daran, dass Extremismus zur Verteidigung der Freiheit keine Schandtat ist!"

Goldwater selbst wird 1964 Präsidentschaftskandidat der Republikaner, er wütet gegen Kommunisten, die Unmoral der Unterhaltungskultur, den übermächtigen Staat und den Bürgerrechtskampf der Afroamerikaner. "Ich erinnere euch daran, dass Extremismus zur Verteidigung der Freiheit keine Schandtat ist!", sagt er in seiner umstrittenen Parteitagsrede. "Und lasst mich euch daran erinnern, dass Mäßigung im Kampf um Gerechtigkeit keine Tugend ist." Die Lust an der persönlichen Bereicherung, notiert ein konservatives Magazin, habe nun einen humanistischen Überbau erhalten. Goldwater verliert haushoch gegen Amtsinhaber Lyndon B. Johnson, doch seine Nominierung bedeutet das Ende des liberalen Flügels der Partei.

Boulewares Unterstützung für Goldwater ist auch einer Erkenntnis geschuldet, die sich nun in vielen konservativen Kreisen durchsetzt: Wenn der Kapitalismus ur-amerikanisch ist (oder so präsentiert werden kann), lassen sich Einschränkungen für das Geschäft als unamerikanisch brandmarken. Das ist weniger eine simple Verschwörung als die Überzeugung einer Klasse, die vom Kapitalismus und der persönlichen Freiheit über die Maßen profitierte und kein Interesse daran hat, von einer weiteren Expansion ihrer Macht abgehalten zu werden.