bedeckt München

USA:Trump, das Coronavirus und Kim Jong-un

Kurz vor den US-Wahlen veröffentlicht der Journalist Bob Woodward ein Buch, in dem er aus Gesprächen mit Trump zitiert. In einem räumte der Präsident ganz offen ein, die Coronavirus-Gefahr absichtlich heruntergespielt zu haben.

Von Thorsten Denkler, New York

Das neue Buch von Bob Woodward? Nichts anderes als ein Witz, twitterte Donald Trump. Alles frei erfundene Geschichten mit dem Ziel, ihm zu schaden. Der US-Präsident regte sogar an, die Verleumdungsgesetze zu verschärfen wegen des Buches. Nun, das war 2018. Das damalige Buch des legendären Washington Post-Journalisten Woodward hieß "Fear", Angst. Und darin stand etwa, dass Trump einige unschöne Dinge etwa über seinen damaligen Justizminister Jeff Sessions gesagt habe. Unter anderem, dass der ein "dummer Südstaatler" sei und "mental zurückgeblieben".

Am 15. September kommt Woodwards neues Buch zur Trump-Präsidentschaft heraus. Es hat einen ähnlich einprägsamen Titel: "Rage", heißt es schlicht, Wut. Der Unterschied: Diesmal wird Trump das Buch so leicht nicht als frei erfundenes Lügengebilde von sich weisen können. Die Zitate, die nach den ersten Vorabveröffentlichungen am Mittwoch die Schlagzeilen in den USA bestimmen, stammen eindeutig von Trump. Woodward hat sie alle auf Band.

Das ist vielleicht das Erstaunlichste an dem Buch, aus dem Woodwards Arbeitgeber, die Washington Post, breit zitiert hat, inklusive der einschlägigen Audio-Mitschnitte. Woodward konnte zu 18 Gelegenheiten mit Trump direkt und "on record" sprechen, also mit laufendem Aufnahmegerät. Für das Buch "Fear" hatte er diese Möglichkeit nicht bekommen.

Am 7. Februar etwa rief Trump Woodward an, um ihm seine Sicht auf die sich gerade entfaltende Corona-Krise mitzuteilen. Er offenbarte eine erstaunlich realistische Sicht auf das Virus: "Du atmest nur die Luft ein und so wird es übertragen", sagte Trump. "Und das ist sehr schwierig. Das ist sehr heikel. Es ist tödlicher als eine schlimme Grippe." Um das zu unterstreichen, sagte er: "Das ist tödliches Zeug."

Das klang nun ganz anders als das, was Trump bis dahin der Öffentlichkeit über das Virus mitgeteilt hatte. "Wir haben es komplett unter Kontrolle", sagte er Ende Januar. "Alles wird gut." Wurde es bekanntlich nicht. Mehr als 6,3 Millionen Menschen habe sich in den USA seither infiziert. Davon sind etwa 190 000 Menschen gestorben. Schlimmer wütet das Virus in keiner vergleichbaren Industrienation. Woodward will wissen, wie beides zusammenpasst. Trumps Antwort: "Ich will ehrlich mit Ihnen sein, ich wollte es immer herunterspielen. Ich will es immer noch herunterspielen, weil ich keine Panik verursachen will."

Wenn es nur das gewesen wäre und die Trump-Regierung hätte im Hintergrund alles Menschenmögliche in Bewegung gesetzt, um die Ausbreitung des Virus in den Griff zu bekommen, wären heute sicher weniger Menschen tot. Daran aber scheint Trump kein Interesse gehabt zu haben.

Woodward schreibt, Trump schien nie bereit gewesen zu sein, die Macht seiner Regierung "vollständig zu mobilisieren". Stattdessen schien er "die Probleme durchgehend auf die Staaten abzuschieben". In der Trump-Regierung habe es "keine wirkliche Management-Theorie" dafür gegeben, "mit einem der komplexesten Notfälle fertigzuwerden, mit denen die Vereinigten Staaten jemals konfrontiert waren". Mit anderen Worten: Die Trump-Regierung hatte keinen Plan.

Es ist nicht so, dass Trump mit seinen Ansichten hinterm Berg hält. Er ist ein offenes Buch, was das angeht. Aber Woodward holt ein paar Aussagen aus ihm heraus, die Trump so wohl eher nicht auf einer Bühne von sich geben würde.

In einem Gespräch am 19. Juni geht es um die privilegierten Weißen. Woodward merkt an, dass sie beide, er und Trump, einer Generation von weißen US-Amerikanern angehörten, die mit vielen Privilegien ins Leben gestartet seien. Und ob sich daraus nicht eine Verantwortlichkeit ableiten ließe, "den Ärger und den Schmerz" vieler Afroamerikaner besser zu verstehen. "Nein", sagt Trump, und auf dem Mitschnitt klingt es, als wäre er völlig entrüstetet, dass sich jemand so eine Frage überhaupt stellen kann. "Sie haben wirklich Kool-Aid getrunken, was? Hören Sie sich mal zu! Wow. Nein, so etwas spüre ich überhaupt nicht."

Die Redewendung "Kool-Aid trinken", bezieht sich auf ein Ereignis Ende der Siebziger Jahre. Damals starben an einem Tag mehr als 900 Sektenmitglieder, darunter 304 Kinder, in einem Massensuizid, nachdem sie auf Geheiß ihres Gurus in Jonestown, Guyana, ein mit dem Gift Cyanid vermischtes Erfrischungsgetränk zu sich genommen hatten. Der Legende nach war es ein Getränk der Marke "Kool-Aid". Trump glaubt offenbar, auch Woodward folge irgendwelchen finsteren Kräften, wenn ihn die Ängste und Sorgen der schwarzen Bevölkerung umtreiben.

Durchaus überraschend ist auch, wie sehr sich Trump vom nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un hat umschmeicheln lassen. Woodward bekommt Zugriff auf Briefe, die Kim an Trump geschickt hat. Der Ton ist gewöhnungsbedürftig. In einem Brief schreibt der Diktator, er befürworte ein weiteres historisches Treffen zwischen ihm und "Eurer Exzellenz". Schon ihr erstes Treffen habe Kim an "Szenen aus einem Fantasyfilm erinnert". Seine Treffen mit Trump seien eine "wertvolle Erinnerung". Sie unterstrichen, wie die "tiefe und besondere Freundschaft zwischen uns als magische Kraft wirken wird". Wer kann da schon widerstehen?

In einem anderen Brief schrieb Kim an Trump: "Ich freue mich, gute Beziehungen zu einem so mächtigen und herausragenden Staatsmann wie Eurer Exzellenz aufgebaut zu haben." Und zu anderer Gelegenheit denkt Kim über "diesen Moment der Geschichte nach, als ich die Hand Eurer Exzellenz fest an dem schönen und heiligen Ort hielt, während die ganze Welt mit großem Interesse" zugesehen habe.

Nach dem, was Woodward dazu schreibt, soll Trump besonders davon beeindruckt gewesen sein, dass Kim ihn mit "Eure Exzellenz" ansprach. Kim sei weit mehr als nur klug, sagte Trump. Er habe jedenfalls großes Verständnis dafür, dass Kim nicht so schnell von seinem Atomwaffen-Arsenal lassen wolle: "Es ist wirklich wie mit jemandem, der in sein Haus verliebt ist und es einfach nicht verkaufen kann."

Trump zeigt dem Buch zufolge mehr Verständnis für Diktator Kim als für seine eigenen Generäle. Weil diese sich offenbar mehr Sorgen um die Beziehung der USA zu ihren Verbündeten machten als um neue Handelsabkommen, soll Trump seinem Handelsberater Peter Navarro in einem Gespräch gesagt haben, seine "verdammten Generäle" seien ein "Haufen von Pussys".

Trumps früherer Verteidigungsminister Jim Mattis, der wohl zu dem "Haufen von Pussys" hinzugerechnet werden muss, hatte sich wohl schon im Amt eine klare Haltung zu Trump erarbeitet. An den damaligen Geheimdienstkoordinator Dan Coats gewandt soll er gesagt haben: "Der Präsident hat keinen moralischen Kompass." Eine These, die auch von diesem Woodward-Buch offenbar vollends gedeckt wird.

© SZ vom 10.09.2020/fied/jobr/cat
August 20, 2020, Old Forge, PA, United States: OLD FORGE, PA- AUGUST 20: A protestor opposing Donald Trump demonstrates

US-Wahlkampf
:Eine Runde Softball

Die meisten Journalisten fassen den Präsidentschaftskandidaten Joe Biden ungewöhnlich zahm an - sehr zum Ärger von Donald Trump.

Von Alan Cassidy

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite