Geopolitik Trump führt Amerika in die Vergangenheit

US-Präsident Donald Trump beim Einsteigen in die Air Force One.

(Foto: REUTERS)

Nach einhundert Jahren hat der Präsident die Rolle der USA als Ordnungsmacht aufgegeben. Abschottung statt Zusammenarbeit - seine Wähler wollen es so.

Kommentar von Stefan Kornelius

Squirrel Hill, Eichhörnchenhügel, heißt schön prosaisch jener Stadtteil von Pittsburgh, in dem Ende Oktober ein Antisemit ein Massaker in einer Synagoge verübte. Das pittoreske Ensemble aus Synagoge, protestantischen Kirchen und einem palästinensischen Falafel-Verkaufsstand steht in krassem Gegensatz zu der kaltblütigen Tat und dem blanken Rechtsradikalismus des Täters, der Amerika befreien wollte von Migranten und Juden. Hier das Amerika, das längst gesellschaftliche Realität ist - ein Land der Zuwanderer, der vielen Ethnien und Religionen. Dort das xenophobe Amerika, das nichts mehr zu tun haben möchte mit dieser komplexen Welt.

Es ist ein besonderer Zufall, dass sich das Massaker von Squirrel Hill, die Zwischenwahlen in den USA und das Jahrhundertgedenken zum Ende des Ersten Weltkriegs innerhalb weniger Tage aneinanderreihen wie die zappelnden Bilder eines zu schnell abgespulten Films. Im Zeitraffer zu sehen ist nämlich so etwas wie Amerikas Schicksalsmotiv, das notabene auch das Schicksalsmotiv der Welt ist: Welche USA sollen es also sein? Auf welche Identität verständigt sich diese Gesellschaft aus 326 Millionen Menschen? Welchen Platz sieht dieses Amerika für sich in der Welt?

Das Land ringt um ein Thema: Öffnung oder Abschottung?

Niemand kann so tun, als wäre er unbeteiligt, wenn die USA ihren Einfluss auf die Völkergemeinschaft neu verhandeln. Eine so große Nation mit ihrem unvergleichbaren ökonomischen Gewicht und einer nicht zu schlagenden militärischen Macht löst weltweit Erschütterungen aus, wenn sie einen inneren Konflikt austrägt. Dieser Konflikt fokussiert sich natürlich auf die Person des Präsidenten, reicht aber viel tiefer in die Gesellschaft hinein. Trump ist nur das Symbol, und die Zwischenwahl hat die Diagnose bestätigt: Die USA sind in ihrem brutalen gesellschaftlichen Streit fest gefangen. Dieses Land ringt um das zentrale Thema dieser Zeit: Öffnung oder Abschottung, Integration oder Desintegration. Trumps Mauer steht sinnbildlich für diesen Konflikt, bei dem es um nationhood, also den Schutzmantel oder eben die Identität der Nation geht.

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Wer über die integrative Phase der Weltgeschichte nachdenkt, muss tatsächlich einhundert Jahre zurückgehen, als Präsident Woodrow Wilson am eigenen Leib den Jekyll-and-Hyde-Charakter seiner Nation erlebte. Ursprünglich selbst ein Isolationist (die USA traten nur widerwillig in den Krieg ein), war es Wilson, der mit seinen 14 Punkten den Völkerbund als Vorläufer der Vereinten Nationen schuf und dafür den Friedensnobelpreis erhielt. Dann aber musste er auch mit ansehen, wie die USA diesem Bündnis eben nicht beitraten. Der isolationistische, desintegrative Charakter des Landes siegte.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann Washington, gezwungen durch den Antagonismus mit der Sowjetunion, seine werbende, integrative Stärke auszuspielen. Die USA wurden zur globalen Vormacht einer Ordnung, die sich unter dem Begriff "der Westen" sammelte, und deren Kernmerkmale Liberalität und Freiheit wurden. Es war der Attraktivität dieses Modells zuzuschreiben, dass der Kalte Krieg überwunden wurde und der Westen als Hort der vielleicht idealen Staatsform seinen Triumphzug antrat. Ausdruck dieser Ordnung waren Bündnisse und der Multilateralismus, also der Versuch, das Zusammenleben der Staaten permanent und in geregelter Form zu optimieren.

Diesen Jahrhundertversuch könnte man an diesem Sonntag in Paris feiern, wenn Dutzende Staats- und Regierungschefs des Endes des Ersten Weltkriegs gedenken. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, nie um die große Geste verlegen, wollte daraus ein Wiederauferstehungserlebnis für den Multilateralismus machen. Allein: Die Geste wirkt schal wenige Tage nach einem amerikanischen Wahlergebnis, das Auskunft gibt über den wahren Zustand der Welt.

Die USA fallen als Ordnungsfaktor aus

Es wird ein amerikanischer Präsident nach Paris reisen, der so wenig von Europa versteht und so wenig mit Europa zu tun haben möchte wie keiner seiner Vorgänger seit 1945. Es kommt ein Präsident, der Autokraten zuzwinkert und Demokraten verächtlich macht. Es kommt ein Präsident, der sich über das Gesetz stellt und der freien Presse ihre Rechte abspricht. Vor allem kommt ein Präsident, der den Mob entfesselt hat, der lügt, hetzt und eine Mission der Zerstörung verfolgt.

Die Philosophin Hannah Arendt hat Totalitarismus, Demagogie und die Kraft der Lüge eingängig beschrieben. Was sie wohl nie vermutet hätte: dass ihre Exilheimat USA so gefährlich der Lüge verfallen könnte.

Donald Trump ist das Produkt eines Amerika, das mit der Welt nichts mehr zu tun haben möchte, das keine hundert Jahre zurückschaut und lieber ein paar Tausend Latinos zu Invasoren erklärt, als die paar Tausend gewaltbereiten Rechtsextremisten und Antisemiten im eigenen Land vom FBI verfolgen zu lassen. Das Wahlergebnis hat gezeigt, dass sich Amerikas Identitätskrise nicht aufhalten oder gar wenden lässt. Sie wird das Land weiter lähmen und alle Kraft absorbieren.

Das bedeutet, dass die USA als Ordnungsfaktor in der Welt ausfallen, dass sie allenfalls als Vorbild und Rechtfertigung für all jene dienen, die kein Interesse an der Ordnung der Multilateralisten haben. Der Zerfall internationaler Vertragssysteme und der Angriff auf Bündnisse wie die Nato zeugen bereits von der destruktiven Wirkung dieses Amerika.

Dabei diente die liberale Ordnung des Westens nie nur einem Selbstzweck, sie war vielmehr Werkzeug der USA zur Befriedigung typisch amerikanischer Interessen: Zugang zu Märkten, militärische Dominanz, geografische Präsenz, politische Gefolgschaft. Trump hat dieses Konzept aufgegeben zugunsten von Abschottung und Aggression. Seine Außenpolitik folgt einem Isolationismus, den Amerika schon vor hundert Jahren lebte. Auf diesem Weg zurück haben die Wähler ihren Präsidenten nicht aufgehalten.

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