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Trump und Twitter:Hai und Putzerfisch

Das Traumpaar der dystopischen Kommunikation spielt mit der Scheidung: Der US-Präsident und sein Kommunikationsmedium stellen nach vielen Jahren fest, dass sie doch nicht füreinander geschaffen sind. Amerikas Spaltung erreicht nun auch Twitter.

Von Stefan Kornelius

Bei der Analyse der Beziehung zwischen Putzerfisch und Riffhai muss zunächst geklärt werden, welches der beiden Tiere sich für den wahren Hai hält - und ob der Hai eines Tages Appetit auf den Putzerfisch bekommen könnte. Symbiotische Beziehungen basieren nämlich auf Partnerschaft und wechselseitigem Nutzen. Wenn aber dieser Nutzen nicht mehr garantiert ist, dann könnte theoretisch jeder Putzerfisch den Hai in sich entdecken und den Partner verspeisen wollen.

Bei Donald Trump und Twitter handelt es sich um eine solche Symbiose, die gerade ihren Zweck verliert. Trump und Twitter fallen nach einer Serie irrsinniger Botschaften des Präsidenten übereinander her und klären ihr Hai-Putzerfisch-Verhältnis - eine späte, wenn auch unausweichliche Entwicklung in einer Präsidentschaft, die in all ihren Exzessen ohne das Mitteilungsmedium gar nicht denkbar gewesen wäre.

Trumps Abhängigkeit vom Applaus und der Angst in seiner 80-Millionen-Follower-Blase, sein süchtiges Kommunikationsgebaren, sein Paralleluniversum mit dem blauen Vögelchen - all das musste den Gang des Trumpischen gehen und verbrennen im sengenden Irrsinn des Mannes an der Spitze der USA.

Dass es überhaupt so lange bis zum Hai-Putzerfisch-Eklat brauchte, hat mit der amerikanischen Streitkultur zu tun und dem Freiheitsverständnis in den USA, das meilenweit entfernt ist von den Regeln für Kommunikation und Anstand, die etwa in Deutschland herrschen. Twitter, Facebook und Instagram mögen sich als globale Medien verstehen, in ihrem Herzen ticken sie selbstverständlich amerikanisch, was seit vielen Jahren für Konflikte über die Grenzen der Meinungs- und Beleidigungsfreiheit sorgt. In den USA ist die Toleranzschwelle niedrig und das Recht großzügig - auch im Umgang mit Lüge und Wahrheit. Auch wenn Twitter immer wieder Grenzen setzt und nun Kurznachrichten des US-Präsidenten mit Warnhinweisen versehen hat, auch wenn Google nun seine Suchergebnisse durchkämmt, auch wenn Facebook kuratiert und lüftet - die Konzerne haben ihr amerikanisches Geburtsgen nie abgelegt und die Verantwortung für Wahrheit und Anstand ihrer Inhalte nie wirklich akzeptiert.

Da ist eine schiefe Ebene entstanden, deren Gefälle nun der Fall Trump zeigt: Zu mächtig ist der Mann, als dass man seinen Missbrauch des Mediums nicht nur anprangern, sondern auch schlicht löschen könnte. Free speech - das ist eben auch die Freiheit, einen Moderator als Mörder bezeichnen zu können oder fröhlich Lügen zur Briefwahl zu verbreiten. Freilich traut sich Twitter durchaus, weniger gewichtige Kunden gar zu sperren - und tappt nun in eine Glaubwürdigkeitsfalle, in der ein Kommunikationsunternehmen eigentlich nicht überleben kann.

Dieser wahre Albtraum aber betrifft jede Gesellschaft, die frei miteinander kommuniziert und ihren Zusammenhalt über das Gespräch definiert. Trump, Twitter, die USA: Sie zeigen ja, was mit einer Gemeinschaft passiert, die keine gemeinsame Basis von Wahrheit und Fakten mehr teilt. Diese Gesellschaft zerfällt und zieht sich in ihre eigenen Kommunikationsblasen zurück. Twitter, Facebook & Co. haben diese gesellschaftliche Erosion beschleunigt. In den USA ist die Spaltung vollkommen. Vielleicht muss sich das Vögelchen nun entscheiden, auf welcher Seite es künftig zwitschern mag.

© SZ vom 28.05.2020
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