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USA-Polen:"Eine deutliche Botschaft an Moskau"

US-Armee in Deutschland: Fallschirmspringer in Ramstein

Ramstein ist mit 8500 Angehörigen der Luftwaffe der größte und bedeutendste US-Stützpunkt in Deutschland.

(Foto: imago images; Bearbeitung SZ)

Präsident Trump will US-Truppen von Deutschland nach Polen verlegen - Russland würde das als Provokation auffassen. Aber längst nicht alle in Deutschland stationierten Einheiten kommen infrage.

Wichtig waren vor allem die Bilder, für beide Seiten, und so gab es viele davon. US-Präsident Donald Trump im Oval Office mit seinem polnischen Kollegen Andrzej Duda, dann eine gemeinsame Pressekonferenz im Rosengarten. Es war der erste Staatsbesuch im Weißen Haus seit Ausbruch der Coronakrise, nachdem Trumps Plan, dort einen G7-Gipfel abzuhalten, auch an der Absage von Kanzlerin Angela Merkel gescheitert war. So wunderte es nicht, dass es alsbald wieder um den vom US-Präsidenten angekündigten Truppenabzug aus Deutschland ging. Polen werde neben den USA "einer jener Plätze sein, wo sie hingehen werden", sagte Trump und kündigte ein bilaterales Abkommen über Verteidigungskooperation an. Welche Einheiten nach Polen verlegt werden könnten, welche Soldaten wann Deutschland verlassen sollen, dazu sagte er nichts.

Aus US-Regierungsquellen hieß es, neben den 1000 im Juni 2019 zugesagten zusätzlichen Soldaten könnten bis zu 1000 weitere nach Polen verlegt werden; derzeit sind dort etwa 4500 Amerikaner stationiert. Die Rede war vom jüngst reaktivierten V. Korps der Armee. Es soll Operationen in Europa unterstützen, allerdings ist das Hauptquartier derzeit in Fort Knox im US-Bundesstaat Kentucky stationiert. Die 635 Soldaten, die von einer rotierenden Einheit mit 200 Soldaten unterstützt werden, sollen ohnehin nach Europa verlegt werden. Wohin genau ist noch unklar.

Russland würde die Verlegung mancher Verbände als Provokation auffassen

Zudem könnten F-16-Kampfjets vom Luftwaffenstützpunkt Spangdahlem nach Polen entsandt werden. Dem 52. Geschwader gehören 4000 Soldaten und 1000 US-Zivilbeschäftigte an. Hauptaufgabe der Flieger im Krisenfall: die Bekämpfung der feindlichen Luftabwehr; in Europa ist dies die einzige primär dafür vorgesehene US-Einheit. Trump sprach von einer "deutlichen Botschaft an Moskau", was an Kritiker gerichtet war, die in dem Abzug aus Deutschland ein Geschenk für Präsident Wladimir Putin sehen. Indes würde Russland die Verlegung eines solchen Verbandes nach Polen als Provokation auffassen. Konstantin Kossatschow, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im russischen Föderationsrat, warnt: "Wenn es mehr militärische Präsenz an unseren Grenzen gibt, wird dies zu Gegenmaßnahmen führen."

Der wohl größte und bedeutendste US-Stützpunkt in Deutschland ist jedoch Ramstein, wo etwa 8500 Angehörige der Luftwaffe Dienst tun. Der wichtigste Verband ist ein Transportfliegergeschwader, das 14 Maschinen vom Typ C-130 Hercules betreibt. Die Einheit ist auch für die Instandhaltung des Militärflugplatzes zuständig, über den fast alle militärischen Transportflüge in den Nahen Osten und nach Afghanistan abgewickelt werden. In der Nähe liegt das Militärkrankenhaus Landstuhl mit 2000 Uniformierten, das größte außerhalb der USA, sowie das Army Depot Miesau, das größte Munitionslager der US-Armee außerhalb der Vereinigten Staaten. Diese Ballung macht Ramstein zum einzigartigen Drehkreuz für das US-Militär. Stationiert sind hier auch Einheiten, die für Europa die Fluglogistik der US-Streitkräfte koordinieren und im Krisenfall vorgeschobene Flugfelder einrichten können.

Der größte Armeestützpunkt mit mehreren Tausend Soldaten des 2. Kavallerie-Regiments befindet sich im bayerischen Vilseck. Es unterhält Schützenpanzer vom Typ Stryker sowie Artillerie und steht dem Europa-Kommando der US-Truppen für das gesamte Spektrum militärischer Landoperationen zur Verfügung. Im nahegelegenen Grafenwöhr befindet sich der größte und modernste Truppenübungsplatz der US-Streitkräfte außerhalb der USA; er ist einer der wenigen, auf denen Artillerie und Flugzeuge mit scharfer Munition feuern dürfen. Dort üben US-Truppen mit Verbänden aus anderen Nato-Staaten.

Zuletzt wurden wegen der Coronakrise etliche geplante Truppen-Verlegungen auf Eis gelegt

Teile dieses Verbandes sind im Zuge routinemäßiger Rotationen 2017 bereits einmal nach Polen verlegt worden. Eine Stationierung dort würde der Begründung entsprechen, die US-Sicherheitsberater Robert O'Brien jüngst in einem Beitrag für das Wall Street Journal für die Abzugspläne aus Deutschland gab: Die US-Truppen müssten demnach in weiter vorgeschobenen Stützpunkten stationiert werden. Allerdings stünde die dauerhafte Stationierung von Kampfverbänden in ehemaligen Ländern des Warschauer Paktes gegen die Nato-Russland-Grundakte, die viele europäische Alliierte und auch die Bundesregierung nicht gefährdet sehen wollen.

O'Brien sprach jedoch auch von Verlegungen in den indo-pazifischen Raum und nannte Hawaii, Alaska, Japan und Guam als Stützpunkte, die gestärkt werden sollen, um China entgegenzutreten. Allerdings hat das US-Verteidigungsministerium zuletzt wegen der Coronakrise etliche geplante Verlegungen auf Eis gelegt. Bei großen Einheiten geht dem üblicherweise ein mehrjähriger Planungsprozess voraus. In Deutschland sind viele Soldaten mit ihren Familien stationiert. Für sie müssen Unterkünfte bereitgestellt werden und auch Jobs für die Familienangehörigen.

Der frühere Befehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa, Ben Hodges, twitterte, der Sicherheitsberater habe "keine Ahnung was in Deutschland ist". Bezogen haben dürfte er sich vor allem auf die zahlreichen Hauptquartiere, so die Territorialkommandos der US-Streitkräfte für Europa und Afrika in Stuttgart, für die Armee in Wiesbaden und für die Marineinfanterie für Europa und Afrika in Böblingen. Auch sind in Deutschland Unterstützungs- und Logistikeinheiten stationiert, deren Aufgabe es ist, im Krisenfall schnell die Verlegung großer US-Verbände nach Europa zu bewerkstelligen. Im Kongress gibt es den Versuch, Trump das nötige Geld für die geplanten Truppenverlegungen zu verwehren - geknüpft an die Hoffnung, dass sich das Thema mit der Wahl im November erledigt.

© SZ vom 26.06.2020/hij
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