Trumps "State of the Union" Eine Rede, wie sie die Amerikaner erwarten

Der US-Präsident appelliert in seiner Rede zur Lage der Nation an sein Volk, Unterschiede zu überwinden. Damit liefert er, der selbst täglich spaltet, zumindest in Teilen das, was das zerrissene Land gerade dringend benötigt.

Kommentar von Hubert Wetzel, Washington

Es tut diesen so tief gespaltenen und zerrissenen Vereinigten Staaten gut, wenn der Präsident zur Abwechslung mal freundlich und versöhnlich daherredet. Wenn er die Amerikaner einmal daran erinnert, dass sie keine verfeindeten Stämme sind, sondern immer noch ein Volk mit einer langen, gemeinsamen und zuweilen heroischen Geschichte: 75 Jahre D-Day, 50 Jahre Mondlandung.

Wenn er Sätze sagt wie diesen: "Wir können alte Gräben überbrücken, alte Wunden heilen, neue Bündnisse erschaffen, neue Lösungen finden." Oder wie diesen: "Wir müssen uns entscheiden, ob wir von unseren Unterschieden bestimmt werden sollen. Oder ob wir sie überwinden wollen." Oder diesen: "Wir müssen wählen, ob wir unser Erbe verschleudern wollen. Oder ob wir stolz erklären, dass wir Amerikaner sind."

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Versöhnlich in Maßen

US-Präsident Trump sollte eine verbindende Rede liefern. Immerhin ist er ja jetzt auf die Demokraten angewiesen. Aber er kann nicht ganz aus seiner Haut.   Von Thorsten Denkler, New York

Das mag für deutsche Ohren pathetisch klingen. Aber es ist das, was die Amerikaner erwarten, wenn ihr Präsident seine jährliche Rede zur Lage der Nation hält, so wie Donald Trump am Dienstagabend im Kapitol in Washington. Sie wollen dann keinen Wahlkämpfer hören, der nur den eigenen hungrigen Anhängern rohes Fleisch zuwirft; sondern einen Präsidenten, der sich an alle Bürger wendet, der allen Respekt zollt und der zeigt, dass er sich für alle Amerikaner verantwortlich fühlt. In Trumps Rede fanden sich durchaus solche Elemente.

Der Präsident tat zwar auch, was er immer tut: Er lobte vor allem sich selbst und gab mit Erfolgen an, bei denen man darüber streiten kann, ob sie tatsächlich Erfolge sind. Und er warb für politische Projekte, über die in der US-Politik höchst kontrovers und mit aller Härte gestritten wird, allen voran seinen geplanten Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko. Aber er tat beides in einem normalen, verträglichen Rahmen.

Für die Demokraten war die Rede zuweilen provokant, aber sie war keine Kriegserklärung. Das zeigte sich auch daran, dass die demokratischen Abgeordneten und Senatoren zwar nicht so viel und begeistert aufsprangen wie die Republikaner, um Trump zu applaudieren, aber doch verhältnismäßig oft klatschten.

Andererseits, und das ist natürlich das Elend an Trumps Präsidentschaft, wäre Amerika nicht so gespalten und zerrissen, würde der Mann im Weißen Haus nicht an praktisch jedem anderen Tag, an dem er keine Rede zur Lage der Nation hält, spalten und reißen. Es ist Trump, der das "Wir" gegen "Die" zur strategischen Maxime erhoben hat. Der seine politischen Gegner bei jeder Gelegenheit zu Volksfeinden erklärt und sie bezichtigt, keine echten Amerikaner zu sein; der keinen Respekt vor den Institutionen der amerikanischen Demokratie hat; der den Ruf der USA als verlässlichen Partner in der Welt beschädigt.

Insofern ist es schon recht fragwürdig, wenn ausgerechnet dieser Präsident mehr Zivilität und Rücksicht aufs Gemeinwohl anmahnt. Meinte er es ernst, hätte er jeden Tag die Gelegenheit dazu, seinen Bürgern ein Vorbild zu sein. Aber das ist er nicht, und das trägt viel dazu bei, dass das politische Klima in den USA so vergiftet ist.

Vielleicht weiß der Trump, der am Dienstag die "State of the Union"-Rede gehalten hat, gar nicht, was jener Trump so macht, der zu anderen Zeiten auf Twitter herumwütet. Vielleicht kümmert ihn dieser Fall von politischer Persönlichkeitsspaltung auch einfach nicht. Eine Rede ist ja nur eine Rede.

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