Süddeutsche Zeitung

US-Präsident Trump und der Brexit:Ein Spalter zu Gast im gespaltenen Großbritannien

Der US-Präsident sonnt sich dieser Tage gerne im Glanz der Queen, doch zugleich macht er unverhohlen gemeinsame Sache mit jenen Briten, die das Land untergraben.

Dass US-Präsident Donald Trump im Detail versteht, was der Brexit genau bedeutet, darf stark bezweifelt werden, aber dass er ihn befürwortet, ist nur logisch. Das Vereinigte Königreich wird nach dem Austritt aus der Europäischen Union dringend neue Handelsabkommen abschließen müssen, vor allen Dingen natürlich eines mit den USA. Nun mag man sich auf der Insel viel einbilden auf die special relationship, die besondere Beziehung beider Länder, aber Trump hat mehr als deutlich gemacht, dass er in Handelsfragen keine Verwandten kennt. Der vermeintliche Zuwachs an Souveränität, den der Austritt aus der EU den Befürwortern des Brexit zufolge bedeutet, wird in Wahrheit darin bestehen, sich tief und tiefer vor Nationen wie den USA und China zu verneigen und künftig zu deren Bedingungen Handel zu treiben.

Dass der amerikanische Präsident ein Freund des Brexit ist, liegt aber vielleicht auch daran, dass er darin ein Phänomen erkennt, das dem Trumpismus nicht unähnlich ist. Im Einzelnen spielen viele Ursachen eine Rolle, aber generell lässt sich sagen, dass die Wahl Trumps und die Zustimmung zum Brexit demselben Impuls entspringen: gegen etwas zu sein, das ein als solches empfundenes Establishment als richtig empfiehlt. Es geht dabei nicht um Sachfragen. Das ist auch der Grund dafür, warum sowohl Trumps Basis als auch der Kern der Brexit-Anhänger für rationale Argumente nicht empfänglich sind.

Es spielt keine Rolle, dass die Brexit-Kampagne auf Lügen basierte, dass jede Prognose wirtschaftliche Einbußen prophezeit. Es ist auch Trumps Anhängern egal, dass dieser notorisch lügt, dass seine willkürlichen Zölle und Handelskonflikte dem Land schaden. Es geht darum, dass sie der anderen Seite etwas abgetrotzt haben, und das wollen sie sich nicht nehmen lassen, je weniger, desto mehr ihnen erklärt wird, dass sie sich mit den falschen Mächten eingelassen haben.

Trump kommt zu seiner Visite in Großbritannien als Vertreter eines gespaltenen Landes, und er besucht ein Land, das ebenfalls zutiefst gespalten ist. Was in beiden Fällen großen Anlass zur Beunruhigung gibt: Es ist absolut nicht absehbar, wie die jeweilige Spaltung überwunden werden könnte. In beiden Ländern stehen die Lager einander unversöhnlich gegenüber.

Trump verhöhnt Londons Bürgermeister

Seine wahren Freunde im Königreich seien der rechtspopulistische Erz-Brexiteer Nigel Farage und der große Opportunist Boris Johnson, sagt Trump. Das ist ein Affront für den gemäßigten Teil Großbritanniens. Dass er noch vor Beginn seines Besuchs den Londoner Bürgermeister Sadiq Khan verhöhnte, unter anderem wegen dessen Körpergröße, ist mehr als nur eine Taktlosigkeit. Der Mann, der sich in diesen Tagen im Glanz der Queen sonnt, ist kein Freund des Vereinigten Königreiches. Er macht gemeinsame Sache mit denen, die das Land untergraben, weil er in ihnen Verwandte des kleinen Geistes sieht.

In den kommenden Tagen stehen die Gedenkfeiern zur Landung der Alliierten in der Normandie an, die das Ende des Zweiten Weltkriegs einläutete. Dieser Anlass führt Europa noch einmal überdeutlich vor Augen, was ohnehin offenbar ist: wie wichtig es ist, gute Beziehungen zu den USA zu unterhalten und zu ihrem Präsidenten. Zugleich ist jedoch ebenso wichtig, jederzeit zu sehen, wer derzeit an der Spitze dieser für die europäische Geschichte so wichtigen Weltmacht steht: ein Spieler, ein Spalter, ein Scharlatan.

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SZ vom 04.06.2019/mane
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