Süddeutsche Zeitung

Parteitag der US-Demokraten:Und dann kam Michelle Obama

"Wählen Sie Biden, als hinge Ihr Leben davon ab" - mit einer spektakulären Rede bewahrt die frühere First Lady die Demokraten zum Auftakt des Parteitages vor einem Desaster.

Von Christian Zaschke, New York

Der Auftakt des virtuellen Parteitags der amerikanischen Demokraten an diesem Montagabend drohte ein Desaster zu werden.

Ein Flickenteppich aus teilweise erschreckend schlecht gefilmten Beiträgen, die, wie es schien, willenlos aneinandergefügt waren. Eine Ansammlung von Schnipseln, in denen mal dieser Demokrat und mal jene Demokratin sagte, was für ein guter Mensch der Kandidat Joe Biden sei. Ein Abend, an dem der Wahlkampf gegen den amtierenden Präsidenten Donald Trump wirklich beginnen sollte, und der wirkte wie ein nicht enden wollender Werbespot für einen Kleinwagen, den niemand fahren will.

Dann kam Michelle Obama.

Die Ehefrau des vormaligen Präsidenten Barack Obama hielt eine so leidenschaftliche wie spektakuläre Rede, als würde sie sich selbst um das höchste Amt im Staat bewerben.

Sie tat, was noch nie eine frühere First Lady getan hatte: Sie griff den Präsidenten frontal an. "Donald Trump ist der falsche Präsident für dieses Land", sagte sie.

Bemerkenswert war dabei vor allem, wie sie das begründete. Natürlich ging sie auf einige politische Entscheidungen von Trump ein, wie zum Beispiel die, Asylsuchende von ihren Kindern zu trennen. Vor allen Dingen aber sprach sie Trump die charakterliche Eignung ab, an der Spitze des Landes zu stehen.

Sie sprach explizit, wie sie sagte, nicht als Politikerin, explizit nicht als Demokratin, sondern, wie sie es darstellte, als Bürgerin und Mutter. Als Amerikanerin, die sich um die Integrität ihres Landes sorgt.

Ihren emotionalen Höhepunkt erreichte Obamas Rede, als sie flehentlich in die Kamera sprach: "Sie mögen glauben, dass die Dinge nicht noch schlimmer werden können." Ihre Stimme zitterte leicht, aber sie blickte fest in die Kamera. Obwohl sie vom Teleprompter ablas, gelang es Obama in diesem Moment, so zu wirken, als spreche sie frei und von Herzen. "Wählen Sie Joe Biden", sagte sie, "als würde Ihr Leben davon abhängen."

Das war in der Darbietung perfekt, das war exzellent inszeniert, und das ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. In den USA, wo Auftritte dieser Art für europäische Verhältnisse grundsätzlich etwas zu dick aufgetragen sein müssen, sucht Michelle Obama als politische Rednerin derzeit ihresgleichen. Selbst ihr Ehemann kann ihr diesbezüglich nicht das Wasser reichen.

Es gab daher Stimmen, die befürchtet hatten, Obama könnte verschenkt sein am ersten Abend eines Parteitags, der komplett im Internet stattfindet. Natürlich schreibt die Dramaturgie dieser vier Tage dauernden Veranstaltung vor, dass ganz am Ende, am Donnerstag, Joe Biden auftritt, der Kandidat, der gegen Trump in den Ring steigt.

Und natürlich tritt am Abend davor, am Mittwoch, Kamala Harris auf, die Frau, die Vizepräsidentin werden soll. An diesem Tag tritt im Übrigen auch Barack Obama auf. Das sind alles große Kaliber, und doch stand die Frage im Raum, ob der Auftritt von Michelle Obama nicht zu früh platziert wurde. An einem Montag? Eine gute Stunde vor Mitternacht?

Die Antwort auf diese Frage ist: Michelle Obamas Auftritt hätte an diesem Montag keine Sekunde später kommen dürfen. Er wird vermutlich in der Rückschau die, gelinde gesagt, holprigen Inszenierungen, die den tatsächlichen Auftakt des Parteitags bildeten, vergessen machen.

Es war eine spannende Frage vor Beginn dieser Zusammenkunft der Partei gewesen, wie sie damit umgeht, dass sämtliche Reden nicht in einer Halle voller begeisterter Zuschauer stattfinden, sondern im virtuellen Raum. Wie auch immer man mit diesem Problem halbwegs zufriedenstellend hätte umgehen können: Die demokratischen Strategen haben sich für eine Lösung entschieden, die viele Fragen offenließ.

Mal sah man Joe Biden in einem Dialog mit fünf Bildschirmen. Mal sah man die Musikerin Maggie Rogers auf einem Felsen stehen, auf dem sie ein melancholisches Lied zum Besten gab. Mal sah man Gretchen Whitmer, die Gouverneurin von Michigan, die sagte: "Demokratie ist ein Teamsport." All diese zusammenhanglosen Beiträge versuchte die Schauspielerin Eva Longoria als Moderatorin erfolglos zu verbinden.

Der heimliche Höhepunkt vor der Rede von Michelle Obama war ein Auftritt von John Kasich, der 18 Jahre lang im Abgeordnetenhaus saß und anschließend acht Jahre lang Gouverneur von Ohio war. Allerdings ist Kasich Republikaner. Nun war es einerseits ein Coup, einen derart prominenten Parteifreund Trumps dazu zu bewegen, für Joe Biden zu sprechen, andererseits musste es die Demokraten beunruhigen, dass ihr eloquentester Fürsprecher ein Mann der anderen Partei war.

Michelle Obama überzog - die großen Sender blieben trotzdem dran

Immerhin, das konnte das Team von Joe Biden als Erfolg verbuchen, hat sich der progressive Senator Bernie Sanders mit Wucht hinter Biden gestellt. Sanders hatte mit Biden um die Kandidatur der Demokraten gekämpft und verloren, so wie er 2016 gegen Hillary Clinton gekämpft und verloren hatte.

Damals hatte er seinen Anhängern halbherzig empfohlen, trotzdem für Clinton zu stimmen. Diesmal war er mit ganzem Herzen dabei, was Bidens Team erleichtert haben dürfte. Ohne das linke Lager, von dem Sanders verehrt wird, kann der moderate Biden nicht gewinnen.

Wie viel Einfluss und welche Bedeutung Michelle Obama hat, ließ sich an einer vermeintlichen Kleinigkeit ablesen. Normalerweise sind die Parteitage auf die Minute genau geplant, und wenn eine Rednerin ihre Zeit überzieht, schalten die großen Sender sofort weg. Michelle Obama überzog. Eine Minute. Zwei Minuten. Drei Minuten.

Dann erst empfahl sie dem Land, Joe Biden zu wählen und spendete, wie das bei solchen Gelegenheiten üblich ist, den Zuhörern Gottes Segen. Die großen Sender blieben bis zum Ende dran.

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