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G-20-Gipfel:Merkel und die Runde der Alphatiere

Argentina G20 Leaders' Summit 2018

Einige Stunden zu spät, dafür hat Kanzlerin Angela Merkel eine abenteuerliche Flug-Geschichte zu erzählen.

(Foto: Getty Images)
  • Der erste Tag des G-20-Gipfels muss fast vollständig ohne die Kanzlerin auskommen.
  • Dafür wirft der US-Präsident wütend Kopfhörer zu Boden.
  • Und seine Sprecherin Sarah Huckabee Sanders bringt Argentinien in Not.

Von Boris Herrmann, Buenos Aires

Am Freitagabend, um 19.06 Uhr, mehr als neun Stunden nach dem offiziellen Beginn des G20-Gipfels, ist die Gruppe endlich vollzählig. Angela Merkel gesellt sich dazu. Sie huscht mit ihrem Handtäschchen ins ehrwürdige Teatro Colón hinein, den 110 Jahre alten Prachtbau von Buenos Aires. So unauffällig wie möglich. Gut eine Stunde zuvor war sie mit einer Linienmaschine der spanischen Iberia auf dem Flughafen Ezeiza gelandet. Vielleicht hat sie sich dort kurz umgezogen und etwas frisch gemacht, im Hotel kann sie kaum gewesen sein.

Als sie das Foyer im Colón betritt, stehen drei Menschen vor ihr, ein Mann, zwei Frauen, und es hat den Anschein, dass sie auf Anhieb nur die Dame in dem weißen Ballkleid erkennt. Es ist Juliana Awada, die Ehefrau des argentinischen Präsidenten Maurico Macri. Wo der gerade steckt, eben war er doch noch da? "Womöglich auf der Toilette", vermutet ein argentinischer Reporter. Es ist und bleibt der Wurm drin bei dieser Dienstfahrt nach Argentinien.

Merkel umarmt also Awada. Und Awada umarmt Merkel. Einen mitleidigen Blick wirft sie der Bundeskanzlerin zu, aber sie verkneift sich, soweit man das aus der Ferne beurteilen kann, jeden Kommentar. Die Witze über die bedingte Einsatzbereitschaft der deutschen Flugbereitschaft sind ja alle schon im Netz gemacht worden.

Gerade will Merkel auch den Rest des Empfangskomitees begrüßen, es handelt sich um Horacio Larreta, den Bürgermeister von Buenos Aires, und seine Frau, da biegt Macri um die Ecke. Ein Lippenleser möchte man jetzt sein. Wenn nicht alles täuscht, sagt er: "Pero Aaaangela, que pasó?" (Mensch Angela, was ist denn passiert?). Ausführlich aufgeklärt werden kann das in diesem Moment nicht, der Beginn der Gala ist schon überfällig.

Es gibt noch ein schnelles Gruppenfoto auf der Marmortreppe, diesmal mit allen Staats- und Regierungschefs, dann gehen im Theatersaal die Lichter aus. Nach ihrem Höllenritt von Berlin über den niederländischen Luftraum, der Kehrtwende nach Köln und der kurzen Nacht in Bonn über Madrid nach Buenos Aires, beginnt Merkels Gipfelteilnahme also mit einer 45-minütigen Tanzvorführung. Mit einem musikalischen Streifzug durch alle argentinischen Provinzen. Dabei wird auch "Rock Argentino" gespielt - das mindert die Einschlafgefahr.

Tagsüber im Plenum wurde Merkel von ihrem Wirtschaftsberater Lars-Hendrik Röller vertreten, er saß an exponierter Stelle zwischen Macri und US-Präsident Donald Trump. Die Bundeskanzlerin hatte auch ihre bilateralen Treffen mit den beiden verpasst, sie sollen nun genau wie das mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am Samstag nachgeholt werden.

Noch ist offen, ob es eine Abschlusserklärung geben wird

Merkel wird in kürzester Zeit sehr viel von ihrer berühmten ausgleichenden Art aufbringen müssen, wenn sie die Runde der Alphatiere doch noch zu einer gemeinsamen Abschlusserklärung bewegen will. Ob es dazu kommen würde, war am Ende des ersten Konferenztages jedenfalls offen. Vor allem bei den bekannten Streitthemen - Klimaschutz, Strafzölle, Migration - gab es offenbar breiten Dissens. Einen G-20-Gipfel ohne Abschlusserklärung hat es noch nie gegeben.

Für zusätzliche Aufregung, vor allem unter den Gastgebern, sorgte ein Statement von Trumps Sprecherin Sarah Huckabee Sanders. Nach dem morgendlichen Treffen des US-Präsidenten mit Macri wurde sie von mehreren Medien mit dem Satz zitiert: "Die beiden Leader bekräftigten ihre gemeinsame Absicht, den regionalen Herausforderungen wie Venezuela etwas entgegen zu setzen sowie der räuberischen Wirtschaftstätigkeit Chinas."

Im Fall des komplett heruntergewirtschafteten Venezuela ist man sich tatsächlich einig. Der Halbsatz zu China entwickelte sich allerdings zum Aufreger des Tages in Argentinien. Das Land ist in seiner tiefen Wirtschafts- und Finanzkrise auf Gedeih und Verderb auf chinesischen Investitionen angewiesen. Wohl auch deshalb wurde Chinas Staatchef Xi Jinping als einziger G-20-Besucher von Macri als offizieller Staatsgast eingeladen und mit militärischen Ehren empfangen. Am Sonntag, im Anschluss an den Gipfel, wollen die beiden einen strategischen Deal schließen und 37 bilaterale Verträge unterzeichnen. Das letzte, was Macri in dieser Situation einfiele, wäre es, Xi als Räuber zu bezeichnen.

Allerdings ist Argentinien auch von US-Krediten abhängig. Bei dem mit größter Spannung erwarteten Abendessen zwischen Trump und Xi am Samstagabend in Buenos Aires wird wohl nicht zuletzt Mauricio Macri mitzittern. Spitzt sich der Handelskrieg zwischen den USA und China zu, dann könnte er früher oder später zu einer Entscheidung zwischen Freund und Feind gezwungen sein, obwohl er beide als Freunde braucht.

Vieles von dem, was bei diesem Gipfel noch herauskommt oder auch nicht, dürfte wie so oft an der Tagesform des US-Präsidenten liegen. Am Freitags gab es bei ihm jedenfalls eine klare Tendenz zu schlechter Laune, bestens symbolisiert durch jenen Kopfhörer, den er offenbar wegen einer unverständlichen Simultanübersetzung auf den Roten Teppich knallte. Falls ihn die allgemein gelobte Tanz-Performance im Teatro Colón nicht noch umgestimmt hat, lässt das nichts Gutes für den Samstag erwarten.

Demonstrativ gut gelaunt präsentierte sich dagegen der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman. Trotz der gegen ihn in Argentinien eingereichten Anzeige wegen des Vorwurfs von Menschenrechtsverbrechen im Jemen-Krieg und seiner mutmaßlichen Verstrickung in den Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi, wurden er in der Runde des Mächtigen der Welt keineswegs als Aussätziger behandelt. Ganz im Gegenteil. Die meisten Staats- und Regierungschefs begrüßten den Prinzen höflich, Putin klatschte mit ihm sogar wie mit einem alten Kumpel ab. Angela Merkel hat am Samstag noch die Gelegenheit, auch in dieser Hinsicht dem Gipfel eine andere Note zu verleihen.

© SZ.de/kler/lalse
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