Süddeutsche Zeitung

Trump-Besuch in Indien:Im Schatten des Hasses

Eigentlich sollte sich alle Aufmerksamkeit auf den Staatsbesuch von Donald Trump in Indien richten. Gleichzeitig aber toben in Delhi die schwersten religiös geprägten Unruhen seit Jahrzehnten.

Ein Fotograf der Times of India war mitten im Geschehen und hat aufgeschrieben, wie es ihm erging. Im Nordosten Delhis eskaliert seit Montag die Gewalt, er zog deshalb aus, um Bilder zu machen, doch plötzlich wird er aufgehalten von einem Mob. Und einer will wissen: "Bist du Hindu oder Muslim?" Die Antwort kann in diesem Moment über Leben und Tod entscheiden. Der Journalist sagt, er sei doch nur ein bescheidener Fotograf, sie sollten ihn bitte gehen lassen. So kommt er davon, er hat großes Glück gehabt.

Andere hatten das nicht. Mindestens 13 Menschen starben bei den Unruhen, schon am Sonntag hatten sich Spannungen aufgebaut, tags darauf entluden sie sich in blutigen Zusammenstößen, die sich am Dienstag fortsetzten. Unter den Toten ist auch ein Polizist. Es waren die schlimmsten religiösen Zusammenstöße in Indiens Hauptstadt seit Jahrzehnten. Videos zeigten brennende Autos, verwüstete Geschäfte, wütende Steinewerfer, Männer mit Eisenstangen und Bambusstöcken. Vorausgegangen waren Drohungen eines Funktionärs der hindu-nationalistischen BJP gegen regierungskritische Demonstranten. Das Erlebnis des Fotografen macht deutlich, dass die Spannungen religiös aufgeladen sind, was in Indien stets schlimme Erinnerungen weckt an frühere Gewalt zwischen Hindus und Muslimen.

Auch waren die Unruhen keinesfalls die Kulisse, die sich der angereiste Staatsgast aus Washington und sein Gastgeber erhofft hatten. Alle Aufmerksamkeit sollte sich auf das angeblich blendende Verhältnis zwischen Donald Trump und Narendra Modi beim zweitägigen Staatsbesuch richten, voller Pomp und Gloria.

Indische Muslime fürchten, sie könnten durch das neue Gesetz in die Staatenlosigkeit rutschen

Die tödlichen Unruhen aber überschatteten das Treffen. Aufgebaut haben sich die Spannungen wegen eines neuen Gesetzes der hindu-nationalistischen Regierung. Die Gewalt spiegelt eine zunehmende Polarisierung zwischen Gegnern und Befürwortern des "Citizenship Amendment Act" (CAA). Das umstrittene Gesetz soll illegalen Migranten aus überwiegend muslimischen Nachbarländern die Einbürgerung erleichtern - aber nur, wenn sie keine Muslime sind. Kritiker argumentieren, dass Indien so erstmals in der Geschichte religiöse Kriterien einsetze, um zu bestimmen, wer Inder ist.

Das ängstigt auch indische Muslime, sie fürchten vor allem, dass sie bei der Erstellung eines Bürgerregisters, NRC genannt, in die Staatenlosigkeit rutschen könnten, wenn sie keine Papiere vorweisen, die ihre Geburt in Indien belegen. Vor allem den Armen fehlen oft solche Dokumente. Die Fronten in diesem Streit verlaufen teils ideologisch, mit liberalen und linken Kräften aller Religionen, die sich gegen die Politik der hindu-nationalistischen Regierung von Premier Narendra Modi stemmen. Zugleich schürt der Streit Misstrauen zwischen Hindus und Muslimen. Beide Gruppen leben weitgehend friedlich miteinander, haben sich aber immer wieder in sogenannten "communal riots" verfangen, bei denen Menschen beider Seiten starben.

In einigen Gegenden hat die Polizei nun die Anordnung, nach Warnung scharfe Munition einzusetzen. Dieser Schießbefehl gilt als Indiz, dass die Lage als äußerst ernst eingeschätzt wird. Gerät die Gewalt zum Flächenbrand, ist sie nur schwer zu kontrollieren, so wie 2002 in Gujarat, als Modi noch Ministerpräsident dieses Bundesstaates war. Damals gab es mehr als 1000 Tote. Sonderermittler sprachen Modi 2012 von jedem Fehlverhalten frei, aber das konnte den Verdacht unter Muslimen nicht ausräumen, dass er verwickelt war. Modi bekam kein Visum für die USA, das änderte sich mit seiner Wahl zum Premier.

Der Kontrast zwischen den Bildern aus Indien könnte kaum größer ausfallen. Trump am Montagnachmittag in Agra: Aufnahmen mit der First Lady am Taj Mahal. Das Präsidentenpaar lächelt vor dem Palast der Liebe, während 250 Kilometer nordwestlich, in der Hauptstadt, Polizisten Mühe haben, das blutige Chaos unter Kontrolle zu bringen.

Der Staatsbesuch ging am Dienstag mit dem beiderseitigen Bekenntnis zum Antiterrorkampf zu Ende. Außerdem erklärte Trump, beide Staaten hätten einen Rüstungsdeal unterschrieben, demnach liefern die USA Waffen im Wert von drei Milliarden Dollar, darunter 24 Seahawk-Hubschrauber und Hellfire-Raketen für die indische Marine. Delhi will die Streitkräfte modernisieren, vor allem, um das militärische Gefälle gegenüber China zu verringern, für die USA ist es ein Geschäft, das zugleich strategische Interessen bedient, Indien soll stärker werden, um Chinas Einfluss in Asien zu bremsen. "Unsere Wirtschaftsminister hatten positive Gespräche über Handel", erklärte Trump außerdem, es gebe Pläne, über einen großen Trade-Deal zu verhandeln. Doch Gespräche über Zölle und andere Handelsbarrieren gestalten sich seit Langem sehr zäh.

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SZ vom 26.02.2020/cck
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