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Trump in der Corona-Krise:Vorsatz auf Band

Die Corona-Krise wäre Trumps Chance gewesen, sich die Wiederwahl redlich zu verdienen. Doch er hat sie verspielt, indem er die Gefahren absichtlich heruntergespielt hat. Jetzt bleiben ihm schmutzige Tricks.

Kommentar von Thorsten Denkler, New York

Das Gute ist diesmal, dass es keine offenen Fragen gibt. Kein "Wenn er das wirklich gesagt hat ..." oder "Wenn stimmt, was im Buch steht ...". Donald Trump ist auf Band. Und die Welt kann hören, was er am 7. Februar dem Washington Post-Journalisten Bob Woodward zur Corona-Krise gesagt hat. Das sei ein übles Virus, viel schlimmer als jede Grippe. "Das ist tödliches Zeug", räumte er ein, wie jetzt in Vorabveröffentlichungen zu Woodwards neuem Buch "Rage", Wut, nachzulesen und zu hören ist. Aber, so Trump damals weiter: "Ich will ehrlich mit Ihnen sein, ich wollte es immer herunterspielen. Ich will es immer noch herunterspielen, weil ich keine Panik verursachen will."

Der Satz beweist, es ist nicht nur Trumps Unvermögen anzulasten, dass die USA heute mit 6,3 Millionen registrierten Infizierten und 190 000 Toten der größte Corona-Hotspot der Welt sind. Nein. Schlimmer noch: Es war Vorsatz.

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Seine Verteidiger mögen jetzt erklären, dass es doch ein ehrenhaftes Ansinnen sei, keine Panik aufkommen lassen zu wollen. Aber da sei die Frage gestattet, ob der Präsident zu viele Katastrophenfilme gesehen hat? Ob er wirklich glaubt, dass die Menschen massenhaft und schreiend auf die Straße rennen, wenn er das Wort Virus zu laut ausspricht?

Alle Industrienationen, in denen das Virus jetzt halbwegs unter Kontrolle ist, haben dies mit konsequenter Aufklärung und einem so ernsthaften wie ehrlichen Umgang mit der Bevölkerung geschafft. Fakten statt Fiktion. Weil das Virus nur dann im Zaum gehalten werden kann, wenn die Menschen mitmachen, wenn sie überzeugt werden können, das Richtige zu tun. Nur dann sind sie bereit, Maske zu tragen, sich die Hände zu waschen, auf soziale Kontakte zu verzichten und Abstand zu halten. Ganz nebenbei haben diese Staaten auch gezeigt, dass sie so auch den ökonomischen Schaden in Grenzen halten können.

Trump aber hat die Gefahr bewusst und mit voller Absicht heruntergespielt, wie er selbst zugibt. Er hat so getan, als würde das Virus auf magische Weise einfach verschwinden. Er hat den Leuten eingeredet, er habe alles im Griff. Oder dass das Virus mit etwas Desinfektionsmittel oder UV-Licht bekämpft werden könne. Das ist keine Strategie, um Panik zu vermeiden. Das ist eine Strategie, um eine Gesundheitskrise zu politisieren.

Trump hätte mehr tun können. Bis Anfang März wurde in den USA über fast sechs Wochen praktisch niemand auf das Virus getestet. Da ist kostbare Zeit verstrichen, in der sich das Virus ungehindert ausbreiten konnte. Ein guter Präsident hätte das Problem erkannt und gehandelt. Er hätte den Kampf gegen das Virus zu einer nationalen Aufgabe erklärt und etwa eine landesweite Maskenpflicht eingeführt. Stattdessen hat er die Verantwortung auf die Gouverneure abgeschoben. Hatten die Erfolg, hat er das als sein Verdienst reklamiert. Ging etwas schief, zuckte er mit den Schultern und zeigte auf die Bundesstaaten.

Bald 200 000 Tote. Und Trumps bisher ehrlichste Antwort darauf ist: "Es ist, was es ist."

In Studien von Mitte Juni wurde berechnet, dass mindestens 80 bis 90 Prozent der Todesopfer hätten vermieden werden können, wenn die USA nur ähnlich konsequent auf das Virus reagiert hätten wie Deutschland, Südkorea, Singapur oder Australien. Es wäre Trumps Chance gewesen, sich die Wiederwahl redlich zu verdienen. Er hat sie verspielt. Jetzt muss er mit schmutzigen Tricks versuchen, seine mäßigen Wahlchancen zu erhöhen. Aber vielleicht liegen ihm fiese Tricksereien auch einfach mehr, als das zu tun, was zu Beginn der Krise notwendig gewesen wäre: den Menschen die Wahrheit sagen, aufklären und auf Experten hören.

© SZ/jobr
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Von Thorsten Denkler

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