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Corona in den USA:Trump geht in den Beichtstuhl

Der US-Präsident hält seine erste Pressekonferenz zur Corona-Krise seit Wochen. Und plötzlich wirbt er für Masken, spricht gar den Opfern der Krise Mitgefühl aus. Ein Auftritt, der mit Vorsicht zu genießen ist.

Von Thorsten Denkler, New York

Den Worten nach zu urteilen, die Donald Trump etwa 15 Minuten lang von seinem vorbereiteten Manuskript abliest, könnte man glatt meinen, dass der US-Präsident verstanden hat, was das Coronavirus gerade in den USA anrichtet. Er trauere um jedes Leben, "das wir verloren haben", sagt er. Er verspricht, jeden Arbeiter, "unsere Schulen und Familien" zu schützen. Er verspricht, dass bald ein Impfstoff verfügbar sei. Und dass "wir das Virus besiegen werden".

Trump gesteht sogar ein, dass es in "manchen Regionen" der USA gerade nicht so gut laufe. Und dass es "wahrscheinlich leider" erst schlimmer werde, bevor es besser werde. Das sei etwas, "dass ich nicht gerne über diese Dinge sage, aber so ist es nun mal, so ist es. So ist die Lage."

Es klingt, als säße Trump im Beichtstuhl und habe sich nach Jahrzehnten endlich durchgerungen, seine schwersten Sünden zu bekennen.

Es lässt sich nur darüber spekulieren, was den US-Präsidenten dazu getrieben hat, am Dienstagnachmittag diese erste Pressekonferenz zur Corona-Krise im Weißen Haus seit April zu geben. Es können seine schlechten Umfragewerte sein. Die Bürger, selbst jene im ländlichen Raum, bescheinigen Trump ein miserables Krisenmanagement, wenn es um das Virus geht. Nach einer jüngsten Umfrage von Washington Post und ABC News sind Trumps Zustimmungswerte seit März um 28 Prozentpunkte gesunken. Derzeit befürworten 38 Prozent Trumps Umgang mit der Pandemie. 60 Prozent lehnen ihn ab.

Es könnte auch das für Trump desaströse Interview gewesen sein, das der Sender Fox News am Wochenende ausgestrahlt hat. Interviewer Chris Wallace hat ihm darin keine seiner falschen Behauptungen zum Virus durchgehen lassen. Dass etwa das Virus bald einfach verschwinden werde oder die USA die niedrigste Corona-Sterblichkeitsrate der Welt hätten. Am Tag danach verkündete Trump die Wiederaufnahme der Pressekonferenzen.

Immer wieder hatte Trump sich damit gebrüstet, welch tolle Einschaltquoten diese Briefings hatten. Für jeden, der sich ernsthaft mit der Pandemie auseinandersetzt, waren das Auftritte wie in einer Horrorshow. Mal bewarb er ein bis dahin für den Einsatz gegen Covid-19 völlig unerprobtes Malaria-Mittel als Wundermedizin gegen die Lungenkrankheit. Dann fragte er laut, ob es eine gute Idee sein könne, sich Desinfektionsmittel zu spritzen. Oder wenigstens irgendwie UV-Licht in den Körper zu bringen. Er trieb es so weit, dass selbst treue Weggefährten wie der Senator Lindsey Graham ihm davon abrieten, sich weiter öffentlich so bloßzustellen.

Pflichtschuldiger Auftritt

So pflichtschuldig, wie Trump diese Pressekonferenz hinter sich bringt, erscheint es jedenfalls unwahrscheinlich, dass er schlicht wieder Lust darauf hat, sich dem Virus zu widmen. Denn die Daten sind eher entmutigend.

Zum ersten Mal seit fast zwei Monaten melden die USA wieder 1000 Corona-Tote täglich. Knapp vier Millionen Menschen haben sich seit Ausbruch der Pandemie in den USA nachweislich infiziert. Bald 140 000 Menschen sind an den Folgen der Covid-19-Infektion gestorben.

Auf einer Pressekonferenz zum Thema Coronavirus wäre ja zu erwarten, dass der einzige Redner diese Zahlen kurz referiert. Aber das macht Trump nicht. Das sind dann doch zu schlechte Nachrichten. Er nennt nicht mal das Coronavirus bei seinem Namen. Sondern spricht nur vom "China-Virus". Ein Ausdruck, der in den USA von vielen Seiten als rassistisch eingestuft wird.

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Und natürlich vergeht auch diese Pressekonferenz nicht ohne handfeste Falschbehauptungen. Trump etwa sagt, die USA hätten eine der niedrigsten Todesraten in der Welt. Er lässt eine Grafik zeigen, die diesen Eindruck vermittelt. Nach Daten der Johns-Hopkins-Universität aber belegen die USA unter den am 20 meisten betroffenen Staaten in der Kategorie meiste Todesfälle pro 100 000 Einwohner den PLatz drei. Und wenn es um die Frage geht, wie viele Menschen in Relation zur Zahl der bestätigten Infektionen sterben, kommen die USA mit 3,7 Prozent auf den zehnthöchsten Wert.

Es spricht also einiges dafür, diesen 25-Minuten-Auftritt im Weißen Haus nicht als Kehrtwende im Umgang mit der Corona-Krise zu interpretieren. Das zeigt schon Trumps plötzliches Bekenntnis zu einer Maske. Bis heute gibt es nur einen öffentlichen Auftritt, bei dem er Maske getragen hat. Bei einem Besuch im Walter-Reed-Militärkrankenhaus vor gut einer Woche. Jetzt sagt der Präsident, es sei geradezu "patriotisch", eine Maske zu tragen, wo Abstandsgebote nicht eingehalten werden können. Er mache das selbst auch so, sagt er und nestelt eine Maske aus seiner Hosentasche hervor, die er dann kurz präsentiert.

Am Montag bereits twitterte Trump ein Schwarzweißbild von sich mit Maske im Walter-Reed-Hospital. Wenige Stunden später wurde er am Abend im Foyer des Trump-Hotels in Washington gefilmt. Der Präsident inmitten einer Ansammlung von Menschen. Ohne Maske.

© SZ.de/bix
July 19, 2020 - Washington, District of Columbia, U.S. - A video capture of President DONALD TRUMP being interviewed by

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