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Trittin-Auftritt in Göttingen:In der Heimat tut man sich nicht weh

Wahlkampf Grüne Niedersachsen

Der Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin durchlebt zurzeit schwierige Tage

(Foto: dpa)

Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin steht unter Druck, weil er vor mehr als drei Jahrzehnten pädophile Forderungen in einem Wahlprogramm zugelassen hat. Doch in seiner Heimat Göttingen wollen ihm das selbst die politischen Gegner nicht so richtig übelnehmen. Sogar aus der FDP erhält er Unterstützung.

Es gibt diesen Moment nach einer guten Viertelstunde, es geht um den Zustand der Sportplätze in der Stadt. Der Kandidat der Linkspartei hat gerade gesagt, dass er dem Kandidaten der CDU nur zustimmen könne, und jetzt, das Mikrofon hat er bereits weitergereicht, fasst er ihn am Arm. Er sagt etwas, der CDU-Mann fasst zurück, sagt auch etwas, beide lächeln.

Es ist der Moment, in dem endgültig klar wird, dass dies hier nicht Berlin ist, sondern Göttingen, nicht die große Bühne mit den vielen kleinen Gemeinheiten, sondern die kleine Bühne der Kommunalpolitik. Man sitzt näher beieinander, man kennt sich besser, länger, kennt Stärken, Schwächen, Schwachstellen, wechselseitig. Tut man sich da noch weh?

Dienstagabend, eine Turnhalle in Göttingen, ein örtliches Blatt hat zur Podiumsdiskussion vor der Bundestagswahl geladen, um die 90 Leute bilden das Publikum, und von ihnen aus gesehen rechts außen sitzt ein Mann, dem man an diesem Abend sehr weh tun könnte. Jürgen Trittin, Spitzenkandidat der Grünen, hat seit Montag ein Problem mehr in diesem für ihn und seine Partei ohnehin nicht so ganz rumpelfreien Wahlkampf.

Seit Montag ist bekannt, dass er 1981 für ein Kommunalwahlprogramm verantwortlich zeichnete, in dem unter anderem die Forderung steht, sexuelle Handlungen mit Kindern zu legalisieren, sofern sie ohne Androhung oder Anwendung von Gewalt zustande kämen. Danach hat Trittin sich offenbar drei Jahrzehnte lang nicht oder jedenfalls nicht mehr so genau an diese Passage erinnert, auch dann nicht, als alle Welt darüber debattierte, welchen Einfluss pädophile Strömungen in den Anfangsjahren der Grünen hatten. Am Tag, nachdem das bekannt geworden ist, sitzt er abends in Göttingen. Hier ist sein Wahlkreis, hier ist seine Heimat, hier hat er studiert, hier wurde er zum Politiker. Und hier entstand jenes Programm, unter das er seinen Namen setzte.

Er weiß, dass man ihn jagen wird in diesen letzten Tagen vor der Wahl, er hat das selbst zu oft gemacht mit politischen Gegnern, die ihre Fehler auch erst zugaben, wenn sie ohnehin öffentlich waren. So sind die Regeln seines Metiers, er kennt sie.

Und die Regeln in Göttingen?

Die sind so einfach wie strikt. Der Moderator, Redakteur des veranstaltenden "Extra Tip", stellt eine Frage, danach ruft er nacheinander die fünf Diskutanten auf, es sind die Direktkandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien. Jeder darf etwas sagen, dann ist wieder der Moderator dran, Fragen aus dem Publikum sind nicht zugelassen oder allenfalls, so hat es der Moderator zu Beginn gesagt, wenn man sehr zügig durchkomme. Schon nach ein paar Minuten, die Frage nach der Zukunft des Forschungsstandorts Göttingen ist gerade reihum beantwortet, ruft er das Thema auf, um das es seit Montag geht. "Es gibt da Vorwürfe", so leitet er es ein. Dann darf Trittin reden.

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