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Tripel-Allianz-Krieg gegen Paraguay:Sogar Kinder kämpfen - mit aufgemalten Bärten und Stöcken in der Hand werden sie ins Feld geschickt

Längst sind López' Truppen zerrieben, nicht mal Uniformen haben sie noch, schreiben Kriegsberichterstatter. Der Tripel-Allianz-Krieg ist auch einer der ersten Konflikte in Südamerika, von denen es Fotos gibt. Sie erlauben den Blick in jene ferne Zeit, in endloses Leid, zeigen zerlumpte Soldaten, zermürbte Gesichter und von der Sonne verdorrte Leichen.

Und längst müssen auch Verwundete, Alte und sogar Kinder kämpfen. Mit aufgemalten Bärten und Stöcken in der Hand werden sie ins Feld geschickt. Tausende sterben am 16. August 1869 in der Schlacht von Acosta Ñu, noch heute feiert man an diesem Tag in Paraguay den "Tag des Kindes" zu ihrem Gedenken.

Jeden Widerstand in den eigenen Reihen schlägt der Diktator gnadenlos nieder. Hunderte vermeintliche Verräter werden hingerichtet, viele erstochen mit Lanzen, um Kugeln zu sparen.

Im März 1870 stellen alliierte Soldaten endlich López und sein letztes Aufgebot. Der Diktator ist verwundet, sterben werde er aber nur mit seiner Heimat, sagt López der Legende nach. Mit gezücktem Säbel geht er auf die Feinde los, die Brasilianer eröffnen das Feuer. Am Finger der Leiche finden sie später angeblich einen Ring, auf dem "Sieg oder Tod" steht.

Kriegsgefangene aus Paraguay.

(Foto: George Thomas Bate/ Nationalbibl)

Nach dem Krieg setzen die Siegermächte eine ihnen genehme Regierung ein, Paraguay bleibt ein souveräner Staat, der Friedensvertrag wird unterschrieben, die letzten brasilianischen Truppen ziehen aber erst 1876 ab.

Wie viele Menschen genau gestorben sind, lässt sich heute nur schätzen. Neuere Rechnungen gehen davon aus, dass von einer Bevölkerung von etwa 450 000 Menschen vor dem Krieg am Ende nur noch 150 000 am Leben waren, darunter nur 28 000 Männer.

Heute diskutiert die Forschung darüber, ob das ungleiche Verhältnis von Männern und Frauen von eins zu vier dazu geführt haben könnte, dass Frauen in Paraguay bis heute benachteiligt und Opfer von Gewalt sind, weil die Gesellschaft Männern gewissermaßen stets einen schützenswerten Status einräumte.

Ein weiterer Streitpunkt ist, ob und inwiefern England den Krieg befeuert haben könnte. Einige Autoren haben in der Vergangenheit die Theorie aufgestellt, Großbritannien habe das abgeschottete Paraguay mit dem Krieg für Geschäfte öffnen wollen.

Konkrete Beweise aber gibt es dafür nicht, sagt die argentinische Forscherin María Victoria Baratta, dennoch aber halte sich der Mythos: "Es ist einfach praktischer, einer Nation von außerhalb die Schuld zu geben, statt sich einzugestehen, dass in diesem Krieg lateinamerikanische Länder miteinander gekämpft haben." Dabei wäre es wichtig, dass man ehrlich miteinander ist, sagt Baratta, allein schon wegen der zwischenstaatlichen Beziehungen, zum Beispiel im Staatenbündnis Mercosur, das die vier Länder heute formen.

150 Jahre nach dem Kriegsende sind nun einige Bücher erschienen, in Argentinien, Brasilien und natürlich auch Paraguay. Und dort geht es vor allem um die Rolle eines Mannes: Francisco Solano López. Sein Leichnam ist heute im Pantheon der Helden in Asunción beigesetzt.

Der 1. März, sein Todestag, ist ein Feiertag, sein Kopf ziert eine Münze, und der Arbeitsplatz des paraguayischen Präsidenten ist der "López-Palast". "López ist eine Ikone", sagt der Historiker Herib Caballero, "er hat Anhänger bei den Kommunisten genauso wie bei den Konservativen, und wer auch nur leichte Zweifel an ihm äußert, wird schnell selbst angegriffen."

Dabei sind sich Historiker heute weitgehend einig darüber, dass López zwar nicht alleine am Krieg schuld war. Hätte er aber aufgegeben, hätte er ihn nicht nur verkürzen, sondern Zehntausende Menschenleben retten können, die meisten von ihnen Paraguayer.

Dass ausgerechnet López heute als Held in dem Land gilt, das er mit ins Verderben gestürzt hat, ist eine Konsequenz ganz gezielter Politik, sagt Caballero. Nach dem Krieg propagierten die Siegermächte in Paraguay zwar das Bild eines Tyrannen und Irren.

Bald aber hätten Nationalisten begonnen, den Diktator für ihre Zwecke zu nutzen, spätestens als wieder einmal ein Krieg bevorstand: Damals, zu Beginn der Dreißigerjahre, stritt sich Paraguay mit Bolivien um den Chaco, eine riesige, sonnenversengte Wildnis, in der Erdöl vermutet wurde. "Um Soldaten zu rekrutieren, wurde López dann als tapferer Held zelebriert", sagt Caballero.

So ging das weiter: Ein paar Jahrzehnte später putschte sich Alfredo Stroessner an die Macht. Der General sah sich in direkter Linie von López' Herrschaft. Und selbst als er Ende der Achtzigerjahre ins Ausland floh, blieb das Bild von López unangetastet. "Für die Politik waren López und der Krieg immer praktisch", sagt Caballero: "Alles, was hier falsch läuft, konnte sie auf den Krieg vor 150 Jahren schieben."

Kaum irgendwo anders ist Land heute so ungerecht verteilt wie in Paraguay

Da wäre, zum Beispiel, die Landverteilung: Nach 1870 war Paraguay durch die Kriegskosten bankrott. Um Kredite aufnehmen zu können, musste die Regierung öffentliches Land als Garantie einsetzen und dieses später zur Schuldentilgung tatsächlich verkaufen. Riesige Ländereien von der Größe halber Provinzen entstanden. "Seit Kriegsende sind eineinhalb Jahrhunderte vergangen, man hätte seitdem vieles unternehmen können", sagt Caballero.

Passiert ist aber: nichts. Kaum irgendwo anders ist Land heute so ungerecht verteilt wie in Paraguay. Eine winzige Elite besitzt drei Viertel der Acker- und Weidefläche. Und es sieht nicht so aus, als ob sich daran so bald etwas ändern wird. López bleibt ein Held und der Krieg vor 150 Jahren die nationale Tragödie Paraguays schlechthin, und das gleich im doppelten Sinn.

Immerhin: Das martialische Coronavirus-Video, das die Bevölkerung Paraguays mit dem Andenken an die Guerra Guasú zum Zuhausebleiben aufgerufen hat, hat wohl Gutes bewirkt. Die Infektionszahlen Paraguays sind mit die niedrigsten der gesamten Region.

© SZ vom 04.07.2020/odg
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