bedeckt München

Trio hinter Polizistinnen-Mord und "Döner"-Morden:Von Rechtsterroristen und ihren Netzwerken

Ihre Blutspur zieht sich durch ganz Deutschland: Acht türkische und ein griechischer Kleinunternehmer erschossen, eine ermordete Polizistin. Und womöglich noch die Urheber von zwei rassistischen Anschlägen in Köln und Düsseldorf. Und die Gruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" kündigte weitere Anschläge an. Doch was ist Propaganda, was Realität - außer den Toten? Gibt es ein rechtsextremes Netzwerk, das die Täter stützte? Und was wussten die Geheimdienste?

Es ist alles noch unklar, noch undeutlich, was der Brand eines Wohnwagens und eines Hauses im sächsischen Zwickau da zu Tage gefördert hat. Doch es zeichnet sich ein Bild einheimischer Terroristen mit einem neonazistischen Weltbild ab. Nach der Wehrsportgruppe Hoffmann in den 80er Jahren dürfte (nach 1945) ein weiteres Mal eine Gruppe von Rechtsextremen ihr Unwesen in Deutschland getrieben haben. Doch war es nur ein Trio?

So haben die toten Neonazis Uwe M. und Uwe B. laut einem Bericht des Spiegel ein Geständnis hinterlassen. Auf vier DVDs, die die Ermittler in den Trümmern des Wohnhauses der Gruppe in Zwickau fanden, erklären die Terroristen, ihre Gruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" sei ein "Netzwerk von Kameraden mit dem Grundsatz Taten statt Worte".

Zugleich kündigen sie in dem 15-minütigen Film, der dem Nachrichtenmagazin vorliegt, weitere Anschläge an. Solange sich "keine grundlegenden Änderungen in der Politik, Presse und Meinungsfreiheit" vollzögen, würden "die Aktivitäten weitergeführt".

Nach Erkenntnissen der Ermittler waren die DVDs bereits in Umschläge verpackt und sollten an Medien und islamische Kulturzentren verschickt werden. In dem Film bekennt sich die Terrorgruppe auch zu dem Bombenanschlag in einer überwiegend von Türken bewohnten Straße in Köln 2004, bei dem 22 Menschen durch Nägel verletzt wurden. Zu sehen ist unter anderem ein Foto der mutmaßlichen Bombe, bevor sie scharf gemacht wurde.

NRW rollt Anschläge wieder auf

Nordrhein-Westfalens Polizei rollt die Anschläge wieder auf. Es müssten jetzt alle "Straftaten, die über ähnliche Muster verfügen", noch einmal untersucht werden, sagte Landesinnenminister Ralf Jäger der Nachrichtenagentur dpa. Neben dem Nagelbombenanschlag geht es auch um einen Anschlag auf jüdische Aussiedler an einer S-Bahn-Haltestelle in Düsseldorf im Jahr 2000.

Zum Kölner Anschlag gebe es Hinweise von den Ermittlungsbehörden in Thüringen, sagte der SPD-Mann. Bei dem blutigen Anschlag in der Keupstraße am 9. Juni 2004 waren 22 Menschen verletzt worden. Die Täter hatten eine selbst gebaute Nagelbombe auf einem Fahrrad deponiert und per Fernsteuerung gezündet. Die Polizei suchte vergeblich nach zwei Männern, die kurz vor der Explosion von einer Videokamera aufgenommen worden waren.

Den Ermittlern waren Ähnlichkeiten zwischen den damals auf dem Video festgehalten Personen und den nun tot in einem Wohnmobil bei Eisenach entdeckten Männern aufgefallen. Die beiden Männer und ihre mutmaßliche Komplizin seien 1998 als Bombenbauer aufgefallen, sagte Jäger. "Da ist es natürlich zwangsläufig, dass die beiden Anschläge in Köln und Düsseldorf im Lichte der Erkenntnisse neu bewertet werden müssen."

Bei dem Anschlag in Düsseldorf waren am 27. Juli 2000 zehn Menschen, überwiegend jüdische Einwanderer aus Osteuropa, durch eine Splitterbombe verletzt worden, zwei von ihnen lebensgefährlich. Eine Frau hatte ihr ungeborenes Baby verloren. Die Opfer waren Sprachschüler auf dem Weg vom Unterricht zur S-Bahn.

Zur Serie der "Döner-Morde" gehört auch ein Fall aus Nordrhein-Westfalen. In Dortmund war im April 2006 ein türkischer Kioskbesitzer erschossen worden. Jäger sieht in der Mordserie Taten einer terroristischen Gruppierung. Die Täter hätten mindestens 13 Jahre lang "geplant, nicht spontan" im ganzen Bundesgebiet schwere Straftaten begangen. "Da ist die Grenze zum Terrorismus sicherlich erreicht, wenn nicht sogar überschritten."

Es sei allerdings untypisch, dass die Gruppe sich nicht zu ihren Taten bekannt habe. Üblicherweise prahlten Terroristen mit solchen Anschlägen. Das sei "auch einer der wesentlichen Gründe, warum die Zusammenhänge zwischen diesen Taten den Ermittlungsbehörden erst so spät klar geworden sind", sagte Jäger.

Fotos von den Opfern

Die Neonazis rühmen sich in dem Film auch, mindestens neun Morde an türkischen und einem griechischen Einwanderer begangen zu haben. Offenbar fotografierten die Mörder ihre Opfer teilweise nach den Attentaten. Die Ermittler halten die Aufnahmen für authentisch.

Nach Erkenntnissen der Fahnder hatten die drei Neonazis nach ihrem Abtauchen 1998 noch mindestens ein halbes Jahr Kontakt in die Szene. Mehrere Aktivisten der "Kameradschaft Jena" sollen dem Trio geholfen haben, unter anderem mit einem Auto und Pässen.

Das Bundeskriminalamt geht derzeit dem Verdacht nach, dass Rechtsextremisten aus dem Umfeld des "Thüringer Heimatschutzes" bis in die jüngste Vergangenheit Kontakt zu den Untergetauchten gehalten hätten. In der Thüringer Landesregierung wird mittlerweile von einem größeren "rechtsextremen Netzwerk" gesprochen, das die drei "bis zur letzten Minute unterstützt" habe.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema